„Lügenpresse“ ist ein Kampfbegriff. Ein zu oft missbrauchtes Wort. Ein grobes Etikett, das zwar beschreibt, aber auch zuschlägt. Dem will ich mich nicht anschließen.
Unabhängig davon, das Problem bleibt.
Denn ja: Die Presse lügt.
„Lügenpresse“ ist ein Kampfbegriff. Ein zu oft missbrauchtes Wort. Ein grobes Etikett, das zwar beschreibt, aber auch zuschlägt. Dem will ich mich nicht anschließen.
Unabhängig davon, das Problem bleibt.
Denn ja: Die Presse lügt.
Früher wollte das Internet nur Cookies. Okay, war ich doch bereit, meine Kekse zu teilen. Ein kleiner Tribut für eine Reise durch die Welt.
Heute jedoch will das All-Netz mehr. Es stellt mir Existenzfragen – genauer gesagt, philosophische Grundsatzfragen. Allen voran:
Wir leben in einer Zeit, in der Meinungen nicht mehr ausgetauscht, sondern ausgeräumt werden. Wer nicht exakt meiner Ansicht ist, gilt nicht als Gesprächspartner, sondern als Feind, der auch nicht davor zurückschreckt, arme Dörfer wie die Ukraine zu überfallen. Früher sagte man: „Ich sehe das anders.“ Heute heißt es: „Blockiert. Gemeldet. Gelöscht.“ Die neue Meinungsfreiheit besteht darin, die Meinung der anderen zu hassen.
Ein Regierungschef sitzt in einer großen Talkshow – als das, was er ist: Amtsträger, aber auch Privatmann. Und er attackiert die Pressefreiheit.
Er wettert gegen regierungskritische Medien. Also die wirklich regierungskritischen.
Es fallen Worte wie „faktenfrei“, „Gegner der Freiheit“ oder „Feinde der Demokratie“.
Dann die harmlos klingende Nachfrage, ob es nicht „Verbot“ oder „Zensur“ brauche.
Ein knappes „Ja“ füllt den Raum – und kaum hat der Politiker eben diesen Raum verlassen, heißt es, das sei natürlich ganz anders gemeint gewesen. Irgendwas mit „sozialen Medien“. Die seien ohnehin asozial.
Das Jahr hat eine neue Zahl. Für Menschen, die zählen können, ist das eine unbeirrbare Logik – wie der Verschleiß, der uns weiter abnutzt, obwohl wir längst stehen geblieben sind. Die Realität wird auf eine fortlaufende Ziffer reduziert, damit sie handhabbar wirkt. Altlasten wandeln sich unbemerkt in Neulasten.
Es gibt im Deutschen Wörter, die sind böse. Eins davon beginnt mit N und endet – je nach Tagesform der Empörung – irgendwo zwischen „Empörungskult“ und „Totalitarismus“. Ein Wort, das nicht gesagt werden darf, weil… ja, weil es ein Wort ist. Denn wir leben in der Epoche, in der nicht mehr Inhalte gefährlich sind, sondern Buchstaben.
Deutschland kann alles – vor allem Moral auf zwei Empörungsskalen gleichzeitig betreiben.
Ein Politiker sagt „Alles für Deutschland“. Historisch vergiftet, sagt man nicht. Ergebnis: Skandal, Anzeigen, Distanzierungen, Feuilleton-Notfallsitzung.
Person X nennt Impfgegner den „Blinddarm der Gesellschaft“. Historisch mehr als vergiftet. Aber X legt nach: Wer eine gewisse Partei wählt, handle gegen „deutsche Interessen“ – und hasse seine eigenen Kinder. Ergebnis: Applaus, Preise, Anerkennung.