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- Jochen
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Je schlechter es einem Volk geht, desto hungriger greift es nach Glauben. Nur dass der Glaube heute nicht mehr in die Kirchenbänke führt, sondern in zwei neue Richtungen. Beide mit modernen Heilsversprechen, aber wie schon damals: gottlos. Unversöhnlich gegeneinander. Die Guten errichten sich eine Kirche aus Moral, Sprache und unantastbaren Wahrheiten – mit Hohepriestern, die predigen, und Gemeinden, die brav blöken. Doch Lärm ist nicht Wahrheit. Und weil die Bösen das nicht mehr hören können, flüchten sie vor dieser Kanzel und zimmern sich dabei gleich eine eigene – aus Nation, Heimat und gesundem Menschenverstand. Mit Propheten, die geifern, und Gemeinden, die brav grölen. Gut oder Böse – oder andersrum. Beides dieselbe Fluchtbewegung – der Altar ein bunterer, der Weihrauch ein blauerer.
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- Jochen
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Es gibt eine berühmte Antwort auf die Frage, ob die Toleranz ihre Feinde dulden muss. Sie stammt aus dem Jahr, in dem Europa in Trümmern lag, und sie lautet: nein. Unbegrenzte Toleranz, so das Argument, führt zum Verschwinden der Toleranz – also dürfe die tolerante Gesellschaft den Intoleranten gegenüber intolerant sein. Das klingt nach einer Lösung. Es ist eine Erleichterung: Endlich ein Freibrief. Vielleicht ist das der Grund, warum die Antwort so gerne zitiert und so selten geprüft wird.
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Es gibt Spezies, die zwischenmenschliche Probleme schneller lösen als wir. Die Schwarze Witwe zum Beispiel. Kaum ist der Geschlechtsakt vorbei und das Männchen verfällt in seine evolutionäre Starre – schweigen, starren, existieren –, wird es gefressen. Effizienz kann man ihr dabei schwer absprechen. Keine Beziehungsgespräche. Keine Missverständnisse. Keine Gefahr, dass er drei Tage später dehydriert aus der Ecke kriecht und krächzt: „War was?”
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- Jochen
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Briefe schreibt niemand mehr. Wozu also noch das Briefgeheimnis — dieser museale Restbestand einer freien Gesellschaft. Ein Denkmal vergangener Zeiten, so nützlich wie ein Faxgerät.
Jetzt kommt die Chatkontrolle, und das Briefgeheimnis ist Geschichte. Endgültig. Betrauert wird ein Recht, das seit Jahren unbenutzt herumlag.
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- Jochen
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Was kommt danach? Eine Frage, die in einer Demokratie nicht gestellt werden darf. Demokratie gilt als das Höchste, das eine Gesellschaft erreichen kann – eine Ordnung, an der alle teilhaben. Was sollte darauf noch folgen? Vielleicht will man die Frage auch nur nicht stellen, weil die Antwort zum Anfang zurückführt. Man stellt sich das Danach dunkel vor, fremd, chaotisch. Dabei ist es das Gegenteil. Danach kommt, was vorher war.
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- Jochen
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Die Demokratie verbietet es, den Wähler zu zwingen. Ihn zu überzeugen ist erlaubt. Wo das Überzeugen endet und die Manipulation beginnt, sagt sie nicht. Sie kann es auch nicht sagen, ohne eine Instanz über den Souverän zu stellen. Also ist erlaubt, was wirkt: Kampagnen, Werbung, künstliche Empörung. Man nennt es Meinungsbildung. Das Wort sagt mehr, als es soll. Die Meinung wird gebildet – von außen.
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- Jochen
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Man nennt sie Herrschaft des Volkes. Aber das Volk herrscht nie als Ganzes. Es herrscht immer nur ein Teil von ihm über den anderen. „Volk” nennt sich die Mehrheit, wenn sie alle meint. Wer überstimmt wird, gehört in diesem Augenblick nicht dazu. Demokratie ist nicht die Herrschaft des Volkes über sich selbst – sie ist die Herrschaft der Mehrheit über die Minderheit. Das ist kein moralisches Problem. Das ist Mathematik.
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- Jochen
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Die Demokratie räumt dem Wähler das Recht ein, sie abzuschaffen – und der Politiker muss auch dann gehorchen. Das ist ihre Krux. Es ist die Freiheit, mit der sie sich selbst aushebelt. Dagegen gibt es keinen Schutz. Jede andere Herrschaftsform verteidigt sich gegen ihr Ende; die Demokratie muss es offenhalten. Sie ist die einzige Ordnung, die das Recht auf ihre eigene Abschaffung mitliefert. Das ist keine Lücke im System. Das ist das System.
