Beim Glauben bin ich Atheist. Da glaube ich fest dran. Bei Wahrheiten bin ich Agnostiker. Da habe ich mich entschieden zu schätzen. Möglichst genau. Aber wann ist Wissen wirklich Wissen? Hundert Prozent?
Den Kölner Dom habe ich gesehen. Ich war drinnen, ich habe ihn angefasst. Dass er existiert, steht für mich außer Frage. Jedenfalls zu den Öffnungszeiten — außerhalb existiert in Deutschland bekanntlich nichts.
Aber schon beim Eiffelturm muss ich anderen glauben. Ich war nie dort. Ich kenne ihn aus Bildern, Berichten, Erzählungen. Es gibt für mich keinen vernünftigen Grund, an ihm zu zweifeln. Es ist nur ein anderer Weg, etwas für wahr zu halten.
Dieser Weg führt über andere Menschen. Früher glaubten wir der Kirche. Heute glauben wir DER Wissenschaft, DEN Nachrichten, DEN Experten.
Die neue Dreifaltigkeit.
Aber wer sagt uns, wann aus begründetem Vertrauen unerschütterlicher Glaube wird?
Die Erde ist rund. Darauf wette ich 99,99 Prozent. Dass die Mondlandung stattgefunden hat: 96. Die fehlenden Prozent behaupte ich nicht wegzuwissen. Wer bin ich denn, mit hundert Prozent Gewissheit zu behaupten, etwas sei, das ich nie selbst gesehen habe?
Die Wahrscheinlichkeit misst einen Abstand. Nicht einfach die Entfernung zum Gegenstand, sondern auch die Strecke zwischen mir und dem, was ich für wahr halte. Je weniger dinglich etwas ist, desto schwerer fällt das Wissen. Die Bilder, die Berichte, die Belege, die Schlüsse anderer. Je länger die Kette, desto mehr muss ich vertrauen. Und meine Zahlen sind meine Zahlen. Keine Statistik, kein Amt, keine letzte Instanz hat sie mir eingetrichtert. Dafür sind die Zahlen da: nicht um die Frage zu schließen, sondern um zu zeigen, wo wir stehen.
Das Auge täuscht. Es gibt Dinge, die ich sehe und die nicht da sind — die Fata Morgana, das Wasser auf der heißen Straße. Aber beim Dom kann ich hingehen. Die Hand auflegen, wiederkommen, nachsehen. Die Täuschung hält der Probe nicht stand.
Nur steht nicht hinter allem ein Ding. Manches, was ich für wahr halte, hat keinen Dom mehr, kein Bild, nichts zum Anfassen. Da fällt die Probe weg. Und mit ihr die Möglichkeit, die Täuschung zu entlarven. Hundert Prozent sind dann kein Wissen mehr. Sie sind der Anspruch, dass zwischen meiner Überzeugung und der Wahrheit kein Abstand mehr besteht. Und dieser Anspruch ist Ideologie.
Das heißt nicht, dass alles gleich wahr ist. Die absolute Gewissheit kennt keine Zahlen, nur Glauben. Der kann aber nie 100 % sein, denn es ist ja Glaube. Einer hat das vor mir gesagt. Sokrates. Er wusste, was er nicht wusste. Dafür musste er sterben. Na ja, ganz so einfach war es nicht. Aber die Geschichte ist gut.
Also suchte er nach Weisen … und fand keinen. Nur die Handwerker konnten wirklich etwas – ihr Fach – und schlossen daraus, sie wüssten auch über alles andere Bescheid. Die gibt es noch. Heute nennen sie sich Experten und prüfen Fakten. Alle Fakten, nicht mehr nur die aus ihrem Fach.
Sie setzen einen Stempel. Der Stempel sagt „falsch", und damit ist die Frage geschlossen. Wer zweifelt, gilt als unseriös. Wer Gewissheit verkündet, als kompetent. Den Schierlingsbecher reichen sie nicht mehr. Dafür haben sie den Stempel.
Der Stempel macht aus Wahrscheinlichkeiten eine vorgebliche Hundert. Er verwandelt Schätzung in Besitz. Den Stempel setzen wir auch auf Menschen. Ich weiß, wer da vor mir steht, bevor er den Mund aufgemacht hat. Geprüft habe ich es nie. Ich habe es gelernt, wie das Einmaleins, und nie wieder nachgerechnet. Ein Vorurteil ist das sicherste Wissen, das wir haben. Und das einzige, das wir nie überprüfen. Unerschütterlich. Eine Schätzung, zu Eis gefroren – der Boden, auf dem wir stehen. Meistens ist das harmlos. Manchmal entscheidet es, wer durch die Tür darf.
Und manchmal, wer lebt.
Nicht der Irrtum ist der Feind.
Das Ausschließen ist es.
Eine Welt, die bis zur letzten Stelle vermessen ist, lässt nichts mehr offen. Jede Frage ihre Antwort, jeder Zweifel seine Widerlegung. Keine offenen Rechnungen mehr. Aber manches lässt sich gar nicht errechnen, vergleichen. Das Leben selbst, die Liebe als bestes Beispiel. Ich kann sie nicht anfassen, nicht daneben stehen, kein Bild deckt sich mit ihr.
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Wittgenstein. Für ihn war das die Grenze. Für mich der Anfang. Da unterwerfe ich mich der Logik nicht. Und mit den Fragen, die keine Antwort finden, kommt die Phantasie. Die Leidenschaft. Die Liebe. Am Ende alles, was uns vom Stempel unterscheidet.
Es gibt Menschen, die halten die Erde für flach. Sie sind keine Narren. Sie sind Menschen, die die Wahrscheinlichkeiten anders geordnet haben. Und derselbe Zug, der sie die Erde flach denken lässt, hat irgendwann Elefanten unter die Scheibe gesetzt, die sie tragen.
Ich glaube die Scheibe nicht. Ich wette weiter 99,99 auf rund. Aber die Schildkröte, auf der die Elefanten stehen, verteidige ich. Sie ist kein Argument gegen die Kugel.
Sie ist Kunst.
Ich zweifle und deswegen sehe ich die Schildkröte. Ich weiß, dass die Erde rund ist. Ich weiß, dass sie nicht auf Elefanten ruht. Und doch steht da eine Schildkröte im Raum, und ich frage mich, worauf sie steht.
Auf der nächsten, natürlich. Und die? Auf der nächsten.
Schildkröten, bis hinunter, so weit wir sehen – bis zum Nichts, zum dunklen Raum, den Fantasie noch nicht erhellt hat.
Bild erstellt mit Grok
