So viel wurde über die vierte Kränkung nachgedacht. Doch keiner hat es auf den Punkt gebracht.
Freud hat drei gezählt. Kopernikus nahm uns die Mitte des Weltalls, Darwin die Sonderstellung im Tierreich, und er selbst dann die Hoheit über den eigenen Kopf. Drei Erkenntnisse, drei Ohrfeigen, sauber verteilt. Seither wird nachgelegt. Die vierte sei, dass uns die Technik über den Kopf gewachsen ist. Oder das Internet, das Freiheit versprach und Überwachung lieferte. Oder die Natur, die sich nicht in dem Zustand halten lässt, der uns genehm wäre. Ein Physiker hat die Liste vorsichtshalber gleich auf zehn verlängert.
Nichts davon ist eine Kränkung. Nicht einmal Freuds erste.
Dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Weltalls ist, mag kosmisch stimmen. Nur wohnen wir hier und bisher nirgendwo sonst. Der einzige Planet, auf dem jemand wohnt, ist kein beliebiger Punkt in diesem Sonnensystem. Er ist der wichtigste, den wir kennen.
Dass das Internet nicht die Freiheit brachte, sondern die Überwachung, ist auch keine. Wer das eine Kränkung nennt, könnte auch sagen, die vierte sei eingetreten, als nach Erfindung des Buchdrucks jemand die falsche Seite aufschlug. Überwacht wurde immer, jeweils auf dem Stand der Technik. Bei Shakespeare zieht der König einen fremden Mantel über und geht nachts durch sein eigenes Lager, um zu hören, was die Soldaten von ihm halten. Dasselbe Verfahren, nur mühsamer. Der Mensch lügt, und der Mensch spioniert. Beides ist der Normalzustand, auch heute noch. Wer ihn bemerkt, hat eine Entdeckung gemacht und keine Kränkung erlitten.
Und dass unendliches Wachstum nicht zu haben ist, kränkt erst recht niemanden. Es beendet eine Verblendung.
Bleibt die Technik. Sie beherrscht uns nicht. Wir beherrschen sie sehr wohl, wir missbrauchen sie nur. Alles, was wir erfinden, wird missbraucht, und das ist keine Erschütterung unseres Selbstbildes, sondern eine Rechnung. Es ist dieselbe Entfremdung, die vorher die Religion besorgt hat. Eine Kränkung müsste neu sein. Das hier ist alt.
Gekränkt wäre bestenfalls der Verstand. Und dem geht es prächtig.
Der Verstand ordnet. Er zerlegt, klassifiziert, schließt von der Ursache auf die Wirkung, baut Maschinen und bringt sie zum Laufen. Die Vernunft fragt wozu. Das ist der ganze Unterschied. Die Technik ist der Triumph des Verstandes, daran fehlt uns nichts, davon haben wir mehr, als wir unterbringen können.
Ich behaupte: Besessen haben wir die Vernunft nie. Wir haben das Wort. Wir reden über sie wie über ein Licht, das wir nie gesehen haben, sondern nur beschrieben bekamen. Wer nie aus der Höhle heraus war, kennt die Sonne vom Hörensagen. Wir halten am Wort fest, aber das Wort ist nicht die Sache. Der Unterschied fällt uns nicht mal auf. Wir denken, wir seien seit der Aufklärung vernünftige Wesen. Sind wir aber nicht. Wir können uns der Vernunft nur annähern. Ob wir sie jemals erreichen, weiß ich nicht.
Mit Gott ist es nicht anders. Gott ist kein spirituelles Wesen und schon gar kein transzendentes. Gott ist eine Erkenntnis. Und wer ihn sucht, hat ihn nicht. Gefunden hat ihn bis heute keiner, was zweitausend Jahre lang niemanden daran gehindert hat, in seinem Namen zu regieren. Diese Zeit steckt uns noch in den Knochen, auch im laizistischen Zeitalter, auch wenn wir es abstreiten wollen. So lange Geschichte wischt man nicht weg.
Der Verstand baut, was man ihm aufträgt. Er fragt nicht wozu. Die Stelle, an der diese Frage gestellt werden müsste, steht aber nicht leer. Dort sitzt die Gier und erteilt die Aufträge. Die Kernspaltung hätte Wohnungen heizen können. Gebaut haben wir zuerst die Bombe. Nicht weil der Verstand versagt hätte, der hat beides gleich gut verstanden, sondern weil niemand da war, der nach dem Wozu fragte.
Dabei kann der Mensch eine Menge. Er löst Probleme von beachtlicher Komplexität und denkt über Sachverhalte nach, die kaum noch jemand überblickt. Das ist nicht wenig, das ist überwältigend. Und alles davon ist Verstand.
Und trotzdem. Meinungen gelten als unumstößliche Wahrheiten, Ideologie hält sich für Vernunft, und das Bauchgefühl schlägt das kritische Denken zuverlässig. Denken, ohne Kritik zu üben, ist kein Denken. Es ist Nachplappern.
Neu ist daran nichts. Meinungen waren immer unumstößlich, überwacht wurde immer, und geglaubt wurde zu jeder Zeit lieber als gewusst. Neu ist einzig, dass wir inzwischen selbst liefern. Der König musste sich noch verkleiden. Wir stellen uns freiwillig ins Netz und bezahlen auch noch das Gerät, mit dem wir es tun.
Dabei stand noch nie so viel Wissen so bereitwillig herum, alles auf Fingerdruck. Wir könnten wissen. Stattdessen ertrinken wir im Angebot und wissen nicht wohin damit, also leugnen wir es. Denn keiner gibt freiwillig zu, dass er in Wahrheit viel klüger sein könnte. Information ist Futter für den Verstand. Mehr davon macht ihn satt, nicht vernünftig.
Wir haben als letzte Instanz die Kirche aus dem Dorf vertrieben und dann festgestellt, dass wir mit dem freien Platz nichts anzufangen wissen. Anstatt einer Kirche, einer Religion, eines Gottes stolpern die Menschen nun von einer Ideologie in die andere. Was folgte, waren Verbote. Verbote statt Vernunft.
Vielleicht haben wir uns als Individuen weiterentwickelt. Spätestens in der Masse verlieren wir uns wieder. Was hätten wir alles erreichen können. Funktionierende Demokratien. Frieden. Nichts davon konnten wir halten. Unsere Zeit wird als das Zeitalter der Dilettanten in die Geschichte eingehen. Komplizierte Probleme löst der Verstand, und zwar glänzend. Dilettanten sind wir beim Verstehen.
Die künstliche Intelligenz wird daran nichts ändern, sie wird es nur zeigen. Sie ist unser Verstand, nur schneller, und von Vernunft hat sie so wenig wie wir. Sie wird uns in die Schranken weisen, und dagegen hilft auch kein Gebet. Wofür wir dieses große Gehirn eigentlich bekommen haben, lässt sich dann in Ruhe nachrechnen. Ob daraus die fünfte Kränkung wird, zeigt die Zeit. Warum mir weniger die Maschine Sorgen macht als das, was sie von uns erbt, habe ich an anderer Stelle ausgeführt.
Nicht die Vernunft ist die Kränkung. Die Kränkung ist, dass wir wissen könnten und uns stattdessen vom Glauben verführen lassen. Womit wir das erkennen, wenn nicht mit Vernunft? Wir sind gut genug, um zu erkennen, was Vernunft wäre. Aber nicht gut genug, um vernünftig zu sein.
Wir können uns selbst nicht von außen betrachten, auch wenn wir ständig so tun. Was wir dabei sehen, sind Ideen. Gesehen hat es keiner. Wir sind glaubende Wesen, keine wissenden. Wir suchen die Erleuchtung in der Höhle. Sie ist dunkel, und sie wird es noch lange bleiben.
Wir haben erkannt, dass wir nicht erkennen. Das ist die vierte Kränkung.
Bild: Flammarions Holzstich (1888), gemeinfrei. Quelle: Wikimedia Commons.
