Gott sei Dank gibt es noch Andere neben dem Chef des Magazins Focus, die den Job des Fakten-Schaffens Ernst nehmen. Und so ist es vor ein paar Tagen Verkehrsminister Andreas Scheuer tatsächlich gelungen, unter Zuhilfenahme von Experten, die „[...] Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte […]“ zurückbringen. 107 Lungenspezialisten haben nämlich bei einer erneuten Überprüfung der Sachlage herausgefunden, die bisher geltenden Stickoxid-Obergrenzwerte waren in Großstädten vieeeel zu niedrig angesetzt. Ein neuer Fakt wurde geboren und Fahrverbote in größeren Metropolen gelten bald nur noch für antike Dampfmaschinen.

Jedoch … waren diese 107 Experten wirklich Pneumologen oder lediglich Kapitäne der Donaudampfschiffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft? Die tragen meist ebenfalls Weiß und sind ohne Donaudampfschifffahrtskapitänsmütze leicht mit Ärzten zu verwechseln. Leider wurde von staatlicher Stelle versäumt, diesen Fakt zu überprüfen. Ist aber auch egal, da sich Schiffsführer um eventuelle Fahrverbote keine Sorgen machen müssen. Die 450 kg Feinstaub, die so ein Luxuskreuzer pro Tag durch Verbrennen von Schweröl erzeugt, schadet dem Klima anscheinend nicht so sehr wie Dieselabgase von Landfahrzeugen. Schließlich gibt es auf den Weltmeeren in Summe viel weniger Kreuzfahrtschiffe als auf dem Festland Dieselfahrzeuge. Dabei spielt es keine Rolle, dass die 15 größten Kreuzfahrtschiffe mehr schädliche Schwefeldioxide ausstoßen als 760 Millionen Autos weltweit. Folglich sind CO2-Obergrenzen für Vergnügungsdampfer völlig unnötig. Bei derart guter Faktenlage können Bewohner von Hafenstädten doch beruhigt aufatmen.

Ebenso müssen sich Besitzer von Elektroautos keine Sorgen um Fahrverbote machen. Solche Angstmeldungen können sie nachhaltig ignorieren. Wer es sich leisten kann, sein Gewissen mit finanziellem Einsatz grün zu waschen, braucht sich über Grenzwerte - egal wie hoch sie gut bezahlten Experten morgen oder übermorgen auch ansetzt mögen - nicht den Kopf zerbrechen. Bekanntlich produzieren E-Autos kein CO2, abgesehen von dem bisschen Reifenabrieb, aber den filtern die Lungen der Großstädter neben all den übrigen Abgasen von Verbrennern (und Dampfmaschinen!) auch noch weg.
Und wenn in Zukunft endlich alle Einwohner größerer Metropolen mit einem Elektrofahrzeug fahren, sind Stickoxid-Grenzwerte eh obsolet, weil die Luft in den Städten endlich wieder sauber sein wird. Schließlich kommt der Strom für den vollständig elektrifizierten Straßenverkehr aus Kohle- und Atomkraftwerken, die meist weit außerhalb der Ballungszentren liegen. Noch weiter weg sind sogar die Minen, in denen arme schwarze Kinder das für Batterien wichtige Kobalt schürfen. Zumindest wird, wenn wegen der Umweltverschmutzung irgendwann alle Pole abgeschmolzen sein werden, für den Abbau von Lithium dann mehr als genug Wasser vorhanden sein. Für ein sauberes Klima ist das Elektroauto optionslos, Verzeihung … oppositionslos.

Und weil Elektroautos auch „relativ“ umweltschonend sind, werden sie folglich vom deutschen Staat mit viel Geld gefördert [*]. Menschen, die mit dem Rad oder mit den Öffentlichen und nicht mit einem über zwei Tonnen schweren Auto zur Arbeit fahren, bekommen übrigens nichts. [**]. Ist doch „relativ“ gerecht, oder?
Die meisten Radfahrer sind eh vergleichsweise asozial. Sie kaufen sich absichtlich ein Fahrzeug mit nur einem Sitzplatz. So schließen sie bereits im Vorhinein wissentlich potenzielle Fahrgemeinschaften aus. Dieses Drecks-Pack unternimmt nicht mal den Versuch, das Klima zu schonen.

Alles wird gut und spätestens 2050 kann die Erde (mit oder ohne Pole) wieder frei durchatmen, da alle Autofahrer ihre Elektro-Boliden mit Ökostrom betanken werden. Gegen so ein fortschrittliches und umweltfreundliches Denken kann selbst ein Fahrrad nicht anstinken.

Eigentlich ist es völlig egal, wer wo was wann gesagt hat. Hauptsache die neu geschaffenen Fakten sind kein Fake! Und was interessiert uns der Fake, Verzeihung die Fakten von gestern? Sind eh alle relativ, so wie der Raubbau an Mensch und Natur.

Bei den 107 Wissenschaftlern handelte es sich übrigens um dieselben Sachverständigen, die in den Jahren bis 2006 bewiesen haben, dass Rauchen völlig harmlos ist. Und die müssen es ja wissen, denn ausschließlich von der Wirtschaft bezahlte Experten sind in der Lage, richtige Fakten zu schaffen.

Persönliche Anmerkung:
Ich wollte unbedingt mal in einem meiner Artikel das wohl längste Wort Deutschlands einbauen. Das ist mir hiermit gelungen. Ich hoffe, Sie sehen mir den etwas holprigen Übergang deswegen nach?
Und CO2 steht für mich stellvertretend für Abgase oder Treibhauseffekte oder was für sonstige Messwerte angewendet werden. Da ich kein Journalist bin, habe ich mir diese Ungenauigkeit einfach erlaubt.

 

[*] Hier ein paar Beispiele für Förderungen der Elektromobilität durch den Staat: BAFA, BMVI, BMU

[**] Zum Thema, die Deutschen hätten die Elektromobilität verschlafen, sagt Winfried Wolf:

„Dieses andauernde Gejammer der Motorjournalisten und der Umweltverbände, wonach die deutschen Autokonzerne die "Elektromobilität verschlafen" hätten, ist blanker Unsinn. Sie haben sinnvollerweise solange gewartet, bis klar war, dass die E-Pkw-Mobilität erzwungen wird - und bis klar war, dass es ausreichende staatliche Subventionen gibt, um sich unnötige Entwicklungs- und Absatzkosten zu sparen.“

Zu guter Letzt

Das Betreiben meiner Internetseite kostet Geld, vor allem aber Zeit. Von dem einen habe ich weniger als vom anderen.*
Trotz dieser Mängel arbeite ich hart an meinen Texten, auch wenn der ein oder andere zuweilen nicht gelingen mag. Sollten Sie also an redigierten Texten oder gar faktenbasierten Inhalten interessiert sein, besuchen Sie eine der vielen Online-Tageszeitungen – die bieten in dieser Hinsicht deutlich mehr.

Doch für meine Unzulänglichkeiten können die Buchstaben nichts. Und auch wenn sie bei der Gestaltung meines Inhalts kein Mitspracherecht haben - sie arbeiten schließlich für mich! - möchte ich Ihnen ein guter Chef sein. Denn die armen Buchstaben machen wortlos, was ich ihnen auftrage, ja sie stehen zu mir. Sie schuften hart, bekommen keinen Lohn, sind nicht einmal krankenversichert.
Diese Ungerechtigkeit bereitet mir ein schlechtes Gewissen, es tut mir in der Seele weh. Wirklich! Doch ich brauche sie, bin regelrecht auf sie angewiesen.

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Meine Buchstaben erfüllen täglich brav ihr Werk, ohne zu murren. Allerdings werde ich es aus eigener Kraft nicht schaffen, sie gerecht – beziehungsweise überhaupt – zu entlohnen.

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Anmerkung der Redaktion (mir): Was immer Sie auch von meinen Texten halten, ich kann Ihnen versichern, ich versuche stets so viel Inhalt wie nur möglich reinzupacken und das möglichst verständlich.
Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!