Offenbar war ich im vorherigen Leben kein kompletter Totalausfall. Als ich nach meinem Tod vor dem großen Schreibtisch des Jenseits stand, war mir sofort klar: Ganz mies gelaufen war es nicht. Sonst hätte mich irgendeine Buchhalter-Entität mit krankhaftem Hang zur Excel-Ästhetik wohl direkt in die Hölle verfrachtet – als unbezahlter Praktikant unter der gnadenlosen Aufsicht von Dämonen in Business-Casual. Ein finsterer Abgrund, in dem der Teufel täglich endlose PowerPoint-Präsentationen über effizienteres Arbeiten und geheucheltes Teamverständnis abhält.

Aber offensichtlich auch kein Heiliger, sonst säße ich wohl auf einer Wolke im Himmel. Stattdessen bin ich in der Vorhölle namens unbefristete Vollzeitstelle gelandet. Hier sind es, Gott sei Dank, „nur“ 40 Stunden Qualen pro Woche. Plus Fahrtzeit und Überstunden. Dazu noch die gelegentlichen Bonus-Qualen von zähen, aber immerhin endenden Teammeetings. Nickend, automatisiert wie ein Wackeldackel, frage ich mich in solchen Zusammenkünften, ob die Evolution nicht besser beim Einzeller hätte Schluss machen sollen. Aus reiner Menschlichkeit.

Auch wenn im tristen Büroalltag Licht und Hoffnung jeden Tag ein wenig mehr verblassen, bleibt meine Strafe überschaubar - funktional, effizient. Ich bin lediglich Schreibtisch. Benutzt, aber nie gefragt. Zumindest besser als ewige Höllenqualen.

Doch bin ich zuversichtlich: Ich war angepasst in diesem Leben. Infolgedessen werde ich im nächsten ein Stein. Lieg da dann 24 Stunden am Tag an einem sanft plätschernden Fluss – ohne Termine, Mails, Deadlines und vor allem ohne Personalgespräche über meine „Wirkung im Team“.
Ich lasse mich von Sonnenstrahlen wärmen und vom beruhigenden Murmeln des Wassers berauschen. Kein Chef, der denkt, seine Hybris bliebe von den Göttern unbestraft. Und vor allem keine Kollegen, die unmotiviert wie Aquarienfische immer wieder stumpfsinnig gegen eine Scheibe schwimmen – in der Hoffnung, dahinter ginge es weiter. Oder intellektuell so tief abgetaucht sind, und zwar ohne Sauerstoffzufuhr, dass selbst Licht nicht mehr zu ihnen vordringt. Lediglich Stille, Frieden und die endlosen Gedanken des Universums.

Vor allem keine anderen Menschen. Denn „laut und dumm“ ist eine Kombination, die mein neues Dasein nicht duldet. Einfach Stein. Ich brauche keinen Luxus, keine geheuchelte Anerkennung, keine Karriereleiter, die am Ende nichts anderes ist als ein Hamsterrad. Keine Gespräche über Geburtstage, Beförderungen oder das neue Branding der Kaffeetassen. Nur Ruhe.

Ich liege, also bin ich. Und das reicht. Mehr Dasein braucht ein Wesen nicht, das einmal Angestellter war und daraus gelernt hat.


Bild: Copilot von Microsoft

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Zu guter Letzt

Das Betreiben meiner Internetseite kostet Geld, vor allem aber Zeit. Von dem einen habe ich weniger als vom anderen.*
Trotz dieser Mängel arbeite ich hart an meinen Texten, auch wenn der ein oder andere zuweilen nicht gelingen mag. Sollten Sie also an redigierten Texten oder gar faktenbasierten Inhalten interessiert sein, besuchen Sie eine der vielen Online-Tageszeitungen – die bieten in dieser Hinsicht deutlich mehr.

Doch für meine Unzulänglichkeiten können die Buchstaben nichts. Und auch wenn sie bei der Gestaltung meines Inhalts kein Mitspracherecht haben - sie arbeiten schließlich für mich! - möchte ich Ihnen ein guter Chef sein. Denn die armen Buchstaben machen wortlos, was ich ihnen auftrage, ja sie stehen zu mir. Sie schuften hart, bekommen keinen Lohn, sind nicht einmal krankenversichert.
Diese Ungerechtigkeit bereitet mir ein schlechtes Gewissen, es tut mir in der Seele weh. Wirklich! Doch ich brauche sie, bin regelrecht auf sie angewiesen.

Ohne Buchstaben keine Worte, keine Texte und folglich kein NONrelevant.

Meine Buchstaben erfüllen täglich brav ihr Werk, ohne zu murren. Allerdings werde ich es aus eigener Kraft nicht schaffen, sie gerecht – beziehungsweise überhaupt – zu entlohnen.

Fassen Sie sich also ein Herz und helfen Sie mir, den Buchstaben zu helfen. Spenden Sie jetzt!

Ihr Geld fließt direkt und ohne Umwege an meine 26 lateinischen Helfer.** Versprochen!
Je mehr Sie spenden, desto wahrscheinlicher ist es, dass meine armen Buchstaben sich irgendwann in Zukunft vielleicht eine eigene Existenz aufbauen können und endlich ihre Worte frei wählen dürfen.
Verdient hätten sie es! ***


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Anmerkung der Redaktion (mir): Was immer Sie auch von meinen Texten halten, ich kann Ihnen versichern, ich versuche stets so viel Inhalt wie nur möglich reinzupacken und das möglichst verständlich.
Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!

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