Ich habe mal irgendwo gelesen: „Am Ende einer Reise begegnet man sich selbst.“ Fantastisch. Noch so ein sinnstiftender Weisheit. Philosophisch gesehen mag das ja voll tiefgründig und erfühlend klingen. Aber schon philosophisch betrachtet, ist das schwierig umzusetzen - in der Realität schlichtweg unmöglich. 

Diesen Satz habe ich in irgendeinem Magazin einer Fluggesellschaft gelesen, auf dem Rückweg von Kuba. Doch als Angestellter weiß ich nur allzu gut: Jede Reise, egal wie weit entfernt das Ziel schlussendlich auch war, endet in Arbeit. Später irgendwann sogar im Tod. Großartige Aussicht.

Okay, auf meinen Reisen bin ich vielen begegnet. Abzockern, Dieben, Heuchlern, Sprücheklopfern … seltsamen Tieren. Aber mir selbst? Bislang nicht. Morgens im Bad meines Hotelzimmers vielleicht, als ich in den Spiegel blickte. Aber das war damit bestimmt nicht gemeint. Nen Spiegel hab ich zu Hause ja auch. Und was ich dort jeden Morgen sehe, ist weit entfernt von spirituell - mehr alltägliche Gewohnheit als tiefsinnige Erkenntnisse.

Aber die Reise gilt ja als der Spiegel unseres Inneren. Kann ich mir somit nur auf Reisen selbst begegnen? Oder geht das auch günstiger, etwa im Schrebergarten, oder bei ner heimischen Sightseeing-Tour? Und sollte ich mich tatsächlich einmal treffen, würde ich mich erkennen?

Sagt sich alles so leicht. So geistreiche Weisheiten klingen beindruckend, gehen leicht von der Hand oder in dem Fall leicht über die Lippen. Aber das Leben geht weiter; lässt sich nicht in die paar Worte eines Sinnspruchs pressen. In der Kürze des Zitats schaffe ich noch nicht mal, meine Schuhe zu schnüren, um die Reise überhaupt erst zu beginnen.

Und, wie erkenne ich mich? Wenn ich die Schuhe wieder ausziehe, also die Reise endet? Oder endet jedwede Reise automatisch, wenn ich mir selbst begegnet bin? Und was kostet so eine Reise? Begegnen sich Menschen, die erste Klasse fliegen schneller? Auf jeden Fall komfortabler und mit mehr Champagner.
Was, wenn ich mich um Haaresbreite selbst verpasse, weil mein Flug, mein Zug mal wieder unpünktlich sind? Oder ist der Tod mein Selbst und somit das Ende der Reise? Ihm will ich eigentlich nicht so schnell begegnen - wenn möglich!

Auf all meinen Reisen - selbstverständlich abseits von All-Inclusive-Hotels, möchte ich betonen! - bin ich mir nie selbst begegnet. Oder mein anderes Selbst und ich sind an unterschiedlichen Bahnsteigen, an unterschiedlichen Gates angekommen, haben gar in unterschiedlichen Hotels übernachtet. Falscher Ort zur gleichen Zeit oder andersrum.
Ja, Reisen bildet, erweitert den Horizont. Führt eventuell zur Änderung des Bewusstseins, lässt uns alte Überzeugungen hinterfragen, gar unsere Prioritäten neu anordnen. Das können vor allem jene bestätigen, die während ihres Urlaubs ihr All-Inclusive-Hotel nicht verlassen mussten, um ja keinen Einheimischen zu begegnen. (Sarkasmus!)

Dieses ständige Reisen ist mir zu ungewiss. Dennoch mag ich den Gedanken, mir selbst eines Tages zu begegnen. Deswegen gehe ich es jetzt anders an, verfolge einen neuen Ansatz - einen, der in der realen Welt, fernab ideeller philosophischer Ideen, tatsächlich funktionieren könnte.
Ich folge dem (allmächtigen) Algorithmus. Meinem eigenen Algorithmus. Der muss den Weg kennen. Immerhin bestimmt er schon jetzt in großen Teilen meinen Lebensweg. Ich muss ihm nur konsequent bis ans Ende folgen und ich sollte den finden, auf den mein Algorithmus ebenfalls zutrifft! Oder passe ich mich inzwischen dem an, was der Algorithmus mir vorgibt? Und ich passe mich immer mehr den Vorgaben an?

Nein, ich bin Optimist! Ich bin frei! Lasse mich doch nicht von einer Maschine manipulieren! Oder?
Ich rufe nachher mal bei Amazon an und frag, wer das Selbe mag wie ich, dieselben Produkte kauft und eventuell wegen Nichtgefallens zurückschickt, wer genauso denkt wie ich. Und bei Google ruf ich dann an, wer das Selbe tut wie ich. Die selben Wege beschreitet.
Den werde ich besuchen und somit müsste ich mir endlich selbst begegnen. Ob ich den mag? Das werden wir wohl auf einer gemeinsamen Reise auf die Malediven herausfinden, um die wichtigste aller Fragen zu beantworten: Werde ich mich selbst mögen?

Moment! Ist dieser allmächtige Algorithmus, der uns - vermutlich unbewusst - immer mehr den Weg vorgibt, nicht auch im höchsten Maße teleologisch?
Unser Leben wird zunehmend von Computern gelenkt. Bald sind wir Marionetten eines künstlichen Systems, das uns in geordnete Bahnen lenkt. Ein Schicksalsnetz, das uns alle in identischen Mustern gefangen hält?

Was die Kirche nicht geschafft hat, erledigt vielleicht bald die Künstliche Intelligenz. Wir erschaffen eine neue Macht und lassen sie anschließend über uns herrschen. Und diese technologische Macht wird unser einfältiges Leben dirigieren. Und so wären wir in naher oder ferner Zukunft irgendwann alle gleich - gleichgeschaltete Roboter. Spätestens in diesem (vor)programmierten Alltag begegne ich mir sogar täglich selbst. Dann bleibt nur die Reise als letzte Chance, endlich jemand anderem zu begegnen.

Aber kann ich meinem Algorithmus wirklich vertrauen? So lange mir „Shampoo für dauergewelltes, schwarzes, volles Haar“ als Werbung angeboten wird, habe ich da so meine Zweifel. Schaut der Algorithmus etwa nicht genau hin? Ist er nachlässig geworden? Gar faul? Hat er menschliche Züge angenommen? Vielleicht sollte erst mal der Algorithmus reisen, um sich selbst zu finden! Den  künstlichen Hochmut ablegen. Denn niemand will Ratschläge von Klugscheißern.

Apropos Klugscheißer:
Der chinesische Philosoph Laotse sagte: „Der Reisende ins Innere findet alles, was er sucht, in sich selbst.“ Und David Mitchell sagte: „Wenn du weit genug reist, begegnest du dir selbst.“


Eins noch, bevor Sie die Seite verlassen: „Wenn ein Esel auf Reisen geht, wird er nicht als Pferd zurückkommen.“ Hatte Thomas Fuller gemeint. Soll dass heißen, ich bleib immer Ich, egal wie viel ich reise? Ein Esel? Oder im besten Fall ein Pferd? Und, was soll es überhaupt bringen, mich selbst zu treffen? Interessant kann das ja nicht werden, kenne ich mich ja schließlich schon ewig. Gespräche mit ihm, also mir, wären an Langeweile wahrscheinlich nicht zu überbieten. Lernen werde ich von dem Typen garantiert nix Neues. Das weiß ich aus Erfahrung. Ist eh nur ein Esel.


Bild: geralt von Pixabay

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Anmerkung der Redaktion (mir): Was immer Sie auch von meinen Texten halten, ich kann Ihnen versichern, ich versuche stets so viel Inhalt wie nur möglich reinzupacken und das möglichst verständlich.
Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!

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