Vorweg, damit niemand den falschen Text liest: Das hier ist keine Werbung. Die AfD wird nichts besser machen. Unser System ist korrupt, versumpft, die Sozialsysteme verrecken bei laufendem Betrieb — und die AfD ist kein Gegenentwurf dazu. Sie ist Teil desselben Spiels. Wer das Folgende als Sympathieerklärung liest, hat es nicht gelesen.
Es geht um etwas anderes. Es geht darum, wie Demokraten mit ihr umgehen. Und ob dieser Umgang noch demokratisch ist.
Ein altes Spiel
Wer verstehen will, wie die AfD funktioniert, muss sich an CDU und CSU erinnern. Jahrzehntelang spielten die beiden ein eingeübtes Doppel: Die CSU durfte rechts blinken, markig reden, gelegentlich krude Vorschläge in die Welt setzen — und darüber thronte die Mutterpartei, die das alles mit staatstragender Vernunft abfing. Rechts von der CSU, so das berühmte Diktum, dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Das war keine Überzeugung. Das war ein Geschäftsmodell. Der eine Bürger hörte die rechten Töne und wusste: Da versteht mich jemand. Der andere hörte die Vernunft und wusste: Da regiert kein Verrückter. So sammelte die Union beide ein — den rechten Rand wegen der CSU, die konservative Mitte wegen der "vernünftigen" CDU.
Dann räumte die Union den rechten Rand. Und die AfD bezog den freien Platz — mitsamt dem Geschäftsmodell. Nur spielt sie beide Rollen selbst. Unten, in den Kreisverbänden und Hinterzimmern, dürfen Leute ihren rechtsradikalen Dreck verkünden, und die Partei toleriert es, weil sie weiß: Der Bürger hört es. Oben steht die bürgerliche Fassade und findet das alles bedauerlich, aber maßlos aufgebauscht. CSU und CDU, verschmolzen in einer Partei. Das Spiel ist dasselbe. Nur die Arbeitsteilung ist effizienter geworden.
Hexenjagd ist keine Sachpolitik
Das war das alte Spiel. Heute haben sich die Altparteien alle in der selbstgerechten Mitte versammelt und drängen die AfD aus dem Rahmen. Nicht auf Sachebene. Die AfD wird nicht widerlegt, sie wird etikettiert. Jede Aussage gilt als erledigt, sobald feststeht, von wem sie stammt. Das ist keine Diskussion. Das ist Hexenjagd.
Nicht mit ihr koalieren zu wollen, ist demokratisch legitim. Sie scharf zu kritisieren auch. Etwas anderes ist es, Argumente qua Absender zu entsorgen. Kritik bleibt erst einmal Kritik und kann richtig sein, auch wenn sie von der falschen Seite kommt. Entscheidend ist nicht, wer den Missstand benennt, sondern welcher Weg danach eingeschlagen wird.
Die Belege für die Entsorgung liegen offen herum. Seit Jahren fällt jeder AfD-Kandidat für das Bundestagsvizepräsidium durch. Ausschussvorsitze wurden entzogen. Man kann das im Einzelfall für gerechtfertigt halten — aber man sollte sich dann nicht wundern, dass sich die Partei als Opfer inszeniert. Man schreibt ihr das Drehbuch.
Und mit der Partei werden gleich ihre Wähler mitentsorgt. Wer AfD wählt, gilt als rechts, wenn nicht als rechtsradikal — 27 bis 29 Prozent der Wählerschaft, pauschal aussortiert. Dabei wählt ein erheblicher Teil dieser Menschen nicht nur aus Gesinnung, sondern aus Protest: gegen verreckende Sozialsysteme, gegen eine Politik, die sie längst abgeschrieben hat. Die Motive sind gemischt — Protest, Abstiegsangst, Enttäuschung — ein einzelnes Etikett erfasst das nicht. Man hält dem gern Befragungen entgegen, nach denen immer mehr AfD-Wähler "aus Überzeugung" wählten — wer diesen Zahlen traut. Aber selbst wenn sie stimmen, belegen sie nur eines: Jahre der Wählerbeschimpfung haben aus Protest Bindung gemacht. Wer den Leuten lange genug erklärt, sie seien Nazis, dem glauben sie irgendwann, dass sie dort hingehören. Und ja — der übliche Einwand kommt zuverlässig: Wer Rechtsradikale wählt, wählt Rechtsradikale, egal aus welchem Motiv. Aber schon das Wort trägt nicht. Rechts, sicher — das sind viele. Rechtsradikal? Das ist eine Zuschreibung der Altparteien und der Medien, kein Befund über die Wähler. Und selbst wo das Etikett sitzt, beschreibt der Einwand nur das Was, nicht das Warum: dass jemand AfD gewählt hat, nicht, was ihn dorthin gebracht hat. Nur das Warum lässt sich politisch ändern: Beseitigt man die Gründe, die Menschen zur AfD treiben, verschwinden die Stimmen. Beschimpft man die Wähler, bleiben sie.
Selbst die schärfste Waffe wurde zuletzt stumpf: Im Februar 2026 untersagte das Verwaltungsgericht Köln dem Verfassungsschutz per Eilbeschluss, die AfD als "gesichert rechtsextremistische Bestrebung" einzustufen und dies öffentlich zu verkünden — vorläufig, bis zur Entscheidung in der Hauptsache; der Verdachtsfall bleibt bestehen. "Nicht jede verfassungswidrige Forderung begründet bereits eine verfassungsfeindliche Grundtendenz", so das Gericht. Es bestritt nicht die Existenz verfassungsfeindlicher Positionen innerhalb der Partei, wohl aber, dass sie bereits die Gesamtpartei als solche prägen. Der Beschluss bindet eine Behörde, keine Meinung. Aber er zeigt, auf welch dünnem Eis die Dauerbeschallung steht. Und das Verbotsverfahren, das einzige Instrument, das die Verfassung für den Ernstfall tatsächlich vorsieht? Wurde nie eingeleitet. Man droht damit, statt es zu tun. Offenbar ist die Drohung wertvoller als die Tat — als Dauerinstrument taugt nur sie.
Das Ergebnis dieser Strategie lässt sich messen: 27 bis 29 Prozent, je nach Institut. Acht Punkte vor der Union. Man kann darin einen Erfolg der Brandmauer sehen. Man muss dafür allerdings sehr fest glauben. Oder einfach die Augen schließen.
Der Sündenbock
Warum also hält man daran fest? Weil die Altparteien den Sündenbock brauchen. Wer Jahrzehnte des Reformstaus, kaputtgesparte Infrastruktur und verreckende Sozialsysteme zu verantworten hat, ist dankbar für einen Feind, auf den sich das eigene, kolossale Versagen auslagern lässt. Solange gegen rechts demonstriert wird, muss niemand über Renten, über das Gesundheitssystem, über die Sozialpolitik reden.
Mit Singen und Tanzen lässt sich auf Dauer keine seriöse Politik machen — aber es lässt sich wunderbar davon ablenken, dass keine gemacht wird.
Der Opiumhändler
Dabei läge die Munition bereit. Man müsste die AfD nur ein einziges Mal auf Sachebene stellen — bei ihrem eigenen Programm. Denn die AfD ist eine neoliberale Partei: Abschaffung der Erbschaftssteuer, keine Vermögenssteuer, Steuersenkungen, die oben am meisten bringen. Sie überbietet die FDP mit deren eigenen Forderungen — nur zu Ende gedacht. Auch wenn sie daneben nationalistische und sozialprotektionistische Töne setzt — die Steuerpolitik selbst bleibt klar neoliberal. Auf dem Papier eine Partei für die Reichen. Auf den Marktplätzen klingt sie wie der Anwalt der kleinen Leute. Programm für die einen, Parolen für die anderen — das dritte Doppelspiel in dieser Geschichte.
Und hier schließt sich ein alter Gedanke. Je schlechter es einer Gesellschaft geht, desto mehr greift sie zum Trost. Früher hieß der Trost Religion. Heute heißt er: rechts wählen. Es sind ja nicht die Ärmsten, die am rechtesten wählen — es sind die, die den Absturz fürchten. Ihnen verkauft die AfD Betäubung gegen die Abstiegsangst, mit einem Programm, das den Abstieg beschleunigen würde. Sie ist der Dealer und das Opium zugleich.
Das wäre der Angriffspunkt. Man müsste ihn nur benutzen.
Die Geschäftspartner
Warum benutzt ihn niemand? Weil niemand auf der Bühne ein Interesse daran hat, dass das Spiel endet. Man muss dafür keine Absicht unterstellen; es reicht, dass alle profitieren. Die Altparteien bekommen ihren Sündenbock, die AfD ihre Märtyrerrolle, die Presse ihr Dauerdrama. Die "Guten" und die "Bösen" sind keine Gegner — sie sind Geschäftspartner. Die AfD braucht die Hexenjagd so dringend wie die Altparteien den Sündenbock, und keiner benimmt sich dialogisch, geschweige denn demokratisch, weil Dialog das Geschäftsmodell beider Seiten ruinieren würde. Teil desselben Spiels — was am Anfang dieses Textes eine Behauptung war, ist hier der Befund. Gespalten wird dabei nur einer: das Volk. Und das steht nicht auf der Bühne. Es sitzt davor und bezahlt den Eintritt.
Vielleicht müssen sie regieren
Bleibt die unbequemste Frage: Was, wenn nichts davon geschieht? Dann wird die AfD irgendwann regieren. Und vielleicht — ich schreibe das ohne Freude — muss sie das sogar. Der Einwand kommt zuverlässig: 1933. Aber Geschichte wiederholt sich nicht auf Bestellung, und eindeutig einordnen lässt sie sich immer erst im Rückblick. Ich glaube nicht an die Wiederholung: Eine Partei für die Reichen macht keine Revolution, sie macht Steuerpolitik. Was ich glaube: Eine AfD in Regierungsverantwortung würde vor allem eines beweisen — dass sich nichts bessert. Dass auch sie Teil des Spiels ist. Und vielleicht ist genau das die Katharsis, die dieses Land braucht: die Erkenntnis, dass keiner der Spieler das Spiel ändern will. Danach ließe sich aufräumen. Danach ließe sich über eine Demokratie reden, die sozial ist und vom Kapitalismus getragen wird, statt von ihm besessen zu sein.
Wie groß der Schaden wäre, kann ich nicht absehen. Ein kalkuliertes Risiko? Ja. Aber das Risiko der Gegenwart kennen wir schon: weiter so, 29 Prozent, oder mehr.
Die AfD muss mit demokratischen Mitteln geschlagen werden. Auf Sachebene, mit Argumenten, mit besserer Politik. Nicht mit Singen und Tanzen.
Bild erstellt mit ChatGPT und Grok
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