Der folgende Text sollte ursprünglich ein Vorwort für das Buch „Faszination Aktzeichnen“ von Werner Maier (Herbst 2007) werden. Da der Künstler diese Abfassung letztendlich doch nicht brauchen konnte und sie ungelesen auf der Festplatte weilt, fand ich es eine schöne Idee, anderen zu vermitteln, wie sich mein nackter Mensch vor fremden Augenpaaren fühlt und wie Kunst in der Praxis funktioniert. Hier ein kleiner Einblick zu inneren und äußeren Gegebenheiten: 

Ein Mann und ein nackte Frau stehen sich gegenüber. „Wieviel?“ fragt er. „20 die Stunde.“ antwortet sie. „Hm, das ist aber viel!“, sagt er dann etwas zögerlich. Die Frau erwidert eifrig: „Ich bin aber gut!“ Ungläubig mustert er sie von Kopf bis Fuß. „Ich halte lange still.“, ergänzt sie schnell. „Also gut.“ beendet der Mann die Diskussion um die Bezahlung. Eine Decke liegt ausgebreitet auf dem Boden. Es ist sehr warm im Raum, kein Luftzug geht. Die Frau legt sich bequem auf die Decke, mit dem Rücken auf den Boden, die Beine angewinkelt. „Können wir?“, sie blickt fragend zum Mann. „10 Minuten! Ist das ok für dich?“ Er blickt in ihre Richtung gen Boden. „Na klar. Geht auch länger.“ In diesem Moment hört man ein leises Rascheln und Kritzeln. 8 Augenpaare schauen musternd auf die am Boden liegende Frau. Es ist die erste Stunde eines Aktzeichenkurses und die Teilnehmer stehen an Staffeleien oder haben ihre Zeichenblöcke vor sich liegen.

Der Beginn des Textes wäre der Einstieg, aus dem Filme gemacht sind, die vom Kunstmetier handeln. So sieht die erotische Phantasie derer aus, die weder mit Kunst noch Aktzeichnen zu tun haben. Sie assoziieren damit einen nackten Körper, der eher wollüstig statt angestrengt vor einem steht.
Doch so sieht die Wirklichkeit eines Aktmodells nur sehr selten aus. Natürlich gibt es Verhandlungen über die Bezahlung und für ein kunstungeübtes Auge sehen diese Gespräche, die manchmal auch schon in nacktem Zustand geführt werden, aus wie in einem Erotikfilm. Und doch liegt nichts von Erotik in der Luft.
Modellstehen für Maler, Zeichner und Bildhauer ist harte Arbeit und der Künstler kommt bei der Umsetzung ebenso ins Schwitzen wie das Modell bei seinen anstrengenden Positionen.

Ein Künstler versucht, das vor ihm stehende drei-dimensionale Objekt auf zwei-dimensionales Papier zu bringen, so dass es dennoch drei-dimensional aussieht. Alles klar?
Zeichnen oder Malen ist erstmal trockene Mathematik: abmessen, vergleichen, die Struktur erkennen, umsetzen. Da kann es keinen Platz für Erotik geben, weder beim Künstler noch beim Modell. So wie ein Surfer nach der perfekten Welle sucht, wünscht sich der Künstler die perfekte Umsetzung, das vollkommene Begreifen der Anatomie eines Menschen. Was jedoch die perfekte Umsetzung für den Einzelnen ist, ist genauso unterschiedlich wie für jeden Surfer die perfekte Welle. Künstler sehen einzelne Körperteile nicht als erotische Anziehungspunkte, sondern als Teile eines Ganzen, das es zu erfahren, zu verstehen gilt. Und so ähnlich geht es auch dem Modell.
Sobald „das Objekt“ ausgezogen ist, ist es jemand anderer, viel unverletzbarer. So, wie ein langhaariger Mann, der in seiner Freizeit mit weiten Jeans herumläuft, der aber in  einer Bank arbeitet, im Anzug und mit nach hinten gestylten Haaren auch zu jemand komplett anderem wird, kompetenter wirkt.
Denn außer der nackten Haut des Modells ist da nichts, rein gar nichts. Es gibt keinerlei Angriffsfläche für die Person, die dem Modell gegenüber sitzt. Man sieht nur das, wovor sich heutzutage mehr Menschen fürchten als noch vor vielen Jahren, als die hüllenlosen Werbespot ferne Zukunft waren: einen nackten Körper. Und der wirkt zerbrechlich, offenherzig und dennoch unantastbar.
Und so sollte jeder den Körper eines anderen wahrnehmen, wenn er versucht, ihn auf Papier, Leinwand, in Ton, Stein oder Holz wiederzugeben.

Darf‘s a bisserl mehr sein?

Entschuldigung
Entschuldigung

Vor kurzem las ich ein Interview mit den beiden Winklevoss-Brüdern, die seit Jahren im Rechtsstreit mit dem Facebook-Gründer Mark Zuckerberg liegen (im Juni 2011 gab es endlich eine Einigung). In...

Der intellektuelle Raum
Der intellektuelle Raum

oder... Ich bin wohl anders In Pandemiezeiten mit vermehrt digitalen Angeboten bleibt auch mir nicht viel anderes übrig, als mein Philosophie-Studium zu virtualisieren. Ein interessanter...

Zu guter Letzt

Das Betreiben meiner Internetseite kostet Geld, vor allem aber Zeit. Von dem einen habe ich weniger als vom anderen.*
Trotz dieser Mängel arbeite ich hart an meinen Texten, auch wenn der ein oder andere zuweilen nicht gelingen mag. Sollten Sie also an redigierten Texten oder gar faktenbasierten Inhalten interessiert sein, besuchen Sie eine der vielen Online-Tageszeitungen – die bieten in dieser Hinsicht deutlich mehr.

Doch für meine Unzulänglichkeiten können die Buchstaben nichts. Und auch wenn sie bei der Gestaltung meines Inhalts kein Mitspracherecht haben - sie arbeiten schließlich für mich! - möchte ich Ihnen ein guter Chef sein. Denn die armen Buchstaben machen wortlos, was ich ihnen auftrage, ja sie stehen zu mir. Sie schuften hart, bekommen keinen Lohn, sind nicht einmal krankenversichert.
Diese Ungerechtigkeit bereitet mir ein schlechtes Gewissen, es tut mir in der Seele weh. Wirklich! Doch ich brauche sie, bin regelrecht auf sie angewiesen.

Ohne Buchstaben keine Worte, keine Texte und folglich kein NONrelevant.

Meine Buchstaben erfüllen täglich brav ihr Werk, ohne zu murren. Allerdings werde ich es aus eigener Kraft nicht schaffen, sie gerecht – beziehungsweise überhaupt – zu entlohnen.

Fassen Sie sich also ein Herz und helfen Sie mir, den Buchstaben zu helfen. Spenden Sie jetzt!

Ihr Geld fließt direkt und ohne Umwege an meine 26 lateinischen Helfer.** Versprochen!
Je mehr Sie spenden, desto wahrscheinlicher ist es, dass meine armen Buchstaben sich irgendwann in Zukunft vielleicht eine eigene Existenz aufbauen können und endlich ihre Worte frei wählen dürfen.
Verdient hätten sie es! ***


(Das ist übrignes ein Spenden-Button und möchte gedrückt werden. Ganz herzlich!)

Wenn Sie der Meinung sind, meine Texte sind Ihr Geld nicht wert und denken, Sie können es besser, dann helfen Sie mir halt anderweitig.

Wie?
Lesen Sie hier.


Anmerkung der Redaktion (mir): Was immer Sie auch von meinen Texten halten, ich kann Ihnen versichern, ich versuche stets so viel Inhalt wie nur möglich reinzupacken und das möglichst verständlich.
Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!