Klassiker der Literatur

Klassiker der Literatur

Wer liest denn noch die Klassiker? Ja, WER? Wird der Eine oder Andere in der Schule dazu verdonnert - Pech. Doch daheim, in den eigenen vier Wänden, den Argusaugen der Lehrer entronnen, wer sollte sich diese Tortur freiwillig noch antun? Doch nur jene, die Literatur studieren oder jene, die besonders intellektuell wirken wollen, oder? 

Es muss kurz nach meiner Schulzeit gewesen sein, als ich mir einbildete, die Klassiker lesen zu müssen. Ich hielt das für eine gute Idee, um entronnene Bildung nachzuholen. Kann ja nicht schaden, dachte ich mir. Und da ich im Unterricht seit der siebten Klassen nicht mehr so richtig aufgepasst hatte, falls ich denn überhaupt anwesend war, schien mir das ein gutes Projekt, um Versäumtes nachzuholen. Um ehrlich zu sein, eigentlich sann es mir, gescheit daher zu reden, mein Umfeld zu beeindrucken. Schulbildung ging mir zum damaligen Zeitpunkt ziemlich am Arsch vorbei. Hatte mit meinem Leben genug zu tun.
Entschuldigung, ich schweife ab. Klassiker der Literatur!
Es muss kurz nach meiner Schulzeit gewesen sein, als das Drama seinen Anfang nahm. Ursprünglich begann es bereits in meiner Kindheit. Schuld war Gulliver! Ich wollte das Buch über seine Reisen lesen. Die Kinderausgabe. Doch mein Vater schenkte mir das Originalwerk - in deutscher Übersetzung. Eigentlich ein schönes Geschenk, nur war ich zu dem Zeitpunkt gerade mal neun Jahre alt. Ich wünschte mir von meinen Vater die Kinderausgabe mit vielen Bildern. Aber nein, er kaufte mir das Originalwerk von Jonathan Swift. Das war zwar ebenfalls bebildert, wenn auch sehr spärlich und aus kindlicher Sicht mit eher befremdlichen Bildern, aber bereits das Vorwort von Hermann Hesse hatte mich intellektuell total überfordert.
Ich kann meinem Vater keinen Vorwurf deswegen machen, hatte ich meinen Wunsch nicht genau spezifiziert. Auf jeden Fall war dieses Buch für mich als Kind unlesbar und so legte ich es zur Seite und vergaß es. Viele Jahre später, während des Auszugs aus der elterlichen Wohnung, fand ich das Buch beim Einpacken nebst den vielen andern ungelesenen Büchern in meinem Regal. Trotz meiner schlechten Erfahrung mit Gulliver damals, trat ich die Reise mit ihm aufs Neues an. Für das missglückte Geschenk meines Vaters konnte Herr Swift ja nichts. Und genau da, also kurz nach meinem Umzug, nahm das Drama seinen Lauf.

Das traurige Ergebnis: Ich lese seit nunmehr 20 Jahren an dem Buch und werde nicht fertig. In guten Jahren schaffe ich im Schnitt bis zu zehn Seiten; wenn überhaupt. Das liegt nicht zwingend an der kleinen Schrift, gedruckt auf Butterbrot dünnen Seiten. Nein! Seine unendlich wirkenden Beschreibungen der fiktiven Natur und der darin enthaltenden Figuren führen zu keinem Ende. Akribisch wie in einer Doktorarbeit definiert er bis unter die Unterhose jeden Pickel an jeder erdenklichen Stelle des menschlichen Körpers. Genauso sorgfältig beschreibt er jedes Insekt, jeden Baum, die er auf seiner überaus langen Reise passiert. Manche wollen das mögen, ich finde es einfach nur langweilig. Zwischen menschlichen Hautirritationen und Fliegenbeinen will bei mir keine Spannung aufkommen. 

Aber ich gebe nicht auf, auch deswegen nicht, weil Herr Swift mich immer wieder überlistet. Er verspricht Besserung. Nach jeder endlosen Beschreibung entschuldigt er sich beim Leser mit den Worten: „Aber ich will den Leser damit nicht langweilen ...!“. Er ist ein guter Lügner, hat sein Versprechen auf keiner der bisher 324 gelesenen Seiten gehalten. Ich nehme stark an, das wird wohl auf den nächsten 50 Seiten, oder in meinem Fall den nächsten 5 Jahren, nicht besser, die endlosen Beschreibungen nicht kürzer oder gar spannender. Keine Frage, es gibt in dem Buch äußerst kluge Stellen, die ich heute sogar intellektuell erfasse. Aber dafür reicht eine Zusammenfassung oder Verfilmung völlig aus.

Mein Computer hatte übrigens auch so seine Probleme mit dem Buch, denn den Namen Swift unterstrich die Autokorrektur rot. Er kannte das Wort nicht. Ich hätte das Buch zur Seite legen sollen, wenn selbst die Rechtschreibautomatik meines Computers vor dem Klassiker kapitulierte. Doch habe ich seinerzeit die Zeichen nicht richtig gedeutet.
Ich muss gestehen, es ist meinem Ehrgeiz oder besser gesagt, meinen Neurosen geschuldet, das Werk endlich zu beenden. Ich kann einfach nicht anders! Ich muss beenden, was ich angefangen habe, egal welche Qualen ich leide. Dabei war der Anfang des Buches einigermaßen flüssig, sogar unterhaltsam geschrieben. Die Reise mit Gulliver zur Seite 124 schaffte ich immerhin in ein paar Wochen. Danach wurde es zäh. Sie erinnern sich? Zehn Seiten pro Jahr! Ich bin der Meinung, es liegt nicht an mir oder meinem Auffassungsvermögen. Ich bin der Meinung, es liegt an Herrn Swift, denn sein Buch ist schlicht langweilig. Vielleicht mag es an der deutschen Übersetzung liegen oder schlichtweg daran, dass Gulliver mich nicht mag.

Ich legte Herrn Swift zur Seite und versuchte mich an anderen Klassikern. Ich dachte, die wären vielleicht besser. Und so habe ich mich nach Moby Dick, deutschen Balladen und der qualvollen Irrfahrt durch die Seiten der Ilias - ich sag nur Schiffskatalog - kürzlich an Eichendorffs Taugenichts herangewagt.
Ja, leck Er mich am Arsch! Der Autor schafft es tatsächlich, dass ich mich nach jeder Zeile in einer andern Welt befinde, nur nicht in der von ihm geschaffenen. Hätte er aus fünfzehn Zeilen eine gemacht, käme vielleicht ab und zu Spannung auf. Was haben diese Schriftsteller nur mit diesen endlosen Beschreibungen der Natur? Aber warum sollten Klassiker auch so etwas Schnödes wie Spannung brauchen? Es sind doch Klassiker und per Definition lesenswert.
Vor lauter Langeweile und ständigem Abschweifen beim Lesen kann ich heute nicht einmal genau sagen, um was es in der Geschichte des Taugenichts ging. Aber ich habe es zu Ende gebracht. 

Nicht so Gullivers Reisen. Vielleicht war es auch nicht gerade förderlich, dass ich nach jeder dritten Seite in den Interpretationen am Ende des Buches nachschlagen musste, um den geschichtlichen Kontexte zu verstehen. Das mag traurig anmuten, aber wegen des ewigen Hin- und Hergeblätters konnte ich mich beim Lesen der Lektüre nicht auf den Inhalt konzentrieren. Ich weiß, ich hätte die Erläuterungen sein lassen sollen, aber ich kann das nicht. Die haben ja schließlich ihren Grund und ich meine Neurose!
Moby Dick war ähnlich zäh. Zwar hatte ich beim Lesen naturbedingt nicht mit unendlichen langen Beschreibungen von Bäumen, Wiesen oder Gräsern zu kämpfen, dafür wusste ich aber nie, wo auf dem Schiff sich die handelnden Personen befanden. Links, rechts, vorne, hinten, unten oder oben hätten mir als Beschreibung der Örtlichkeiten auf dem Schiff wesentlich mehr geholfen als nautische Fachbegriffe. Genauso wie Fischgebiss von Wal. Das wäre für mich verständlich gewesen als Barten. Hätten die das beim Übersetzen nicht gleich in verständlich schreiben können, also für alle Nicht-Seemänner? Gut … das mit den nautischen Termini war zum großen Teil mein Problem. Aus bereits gemachten Erfahrungen mit Klassikern hätte ich wissen können, dass Begrifflichkeit auf der letzten Seite erklärt werden, doch irgendwie hatte ich bei Moby Dick diese zwei Tauenden mental nicht verbinden können. Selbst wenn, es hätte den Lesefluss unheimlich gestört, nach jeder dritten Seite nach hinten zu blättern, um zu verstehen, was vorne geschrieben steht.
Hätte ich mal lieber den Film geschaut. Visuell ist manchmal einfacher zu visualisieren. Vielleicht wäre vor dem Lesen der nautischen Literatur gar ein Segelkurs sinnvoll gewesen? Die Herausgeber des Buchs von Herman Melville hätten ja einen Gutschein beilegen können. Wie dem auch sei, ohne Grundkenntnisse der Materie hatte ich massive Probleme mit meiner Vorstellungskraft, mit meiner Phantasie, mir die kleine Welt des Bootes vorzustellen. Der Film in meinem Kopf wollte einfach nicht anlaufen. Ich wurde regelmäßig von dem Gedanken „HÄÄÄÄÄ … wo zum Teufel ist das denn schon wieder????“ laut und unhöflich unterbrochen.
Um es kurz zu machen, das Lesen war eine Qual. Abschließend kann ich sagen, Moby Dick - der Film hätte völlig ausgereicht, um mitreden zu können. Und darauf kommt es schließlich an.

Ich glaube, das ist das Vermaledeite daran. Viele Klassiker - zumindest die ich las - haben auf den letzten Seiten massenhaft Erläuterungen, der zum gänzlichen Verständnis unabkömmlich sind. Als Kenner dieser Zeit, als Student der Geschichte, Trojaner oder Seemann mag das überflüssig sein, aber weder bin ich ein Kenner dieser Zeit noch ein Student und schon gar kein Fischer. Auch wenn ich als Knabe gern auf meinem hölzernen Pferd, welches in der Ilias übrigens überhaupt nicht vorkommt, schaukelte, so macht das Lesen keinen Spaß. Vielleicht bildet es, aber Freude kam bei mir nicht auf. Nach jedem dritten Satz hinten nachschlagen, was der Autor vorne gemeint hat. Also, jetzt mal ehrlich, wer liest so was gern?

Wie es scheint, komme ich mit dem Stil nicht klar und so habe ich nach diversen Ausflügen in die Literatur der Klassiker für mich beschlossen: Texte aus dem vorletzten Jahrhundert kommen mir nicht mehr ins Haus. Genauso wenig wie Werke mit mehr als 250 Blättern (entspricht 500 Seiten)! Außer es ist Toilettenpapier. Bei Klassikern der Literaturgeschichte warte ich lieber, bis Hollywood den Stoff verfilmt. Den guck ich gemütlich mit einer Tüte Chips und einem kühlen Bier auf der Couch. Hauptsache, ich kann anschließend mitreden und wirke klug und weltoffen.

 

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