Ich habe wirklich nichts dagegen, dass Menschen aus der globalen Niedriglohn-Sphäre (Migranten) uns die Jobs wegnehmen. Wirklich nicht. Im Gegenteil: Irgendwer muss die Drecksarbeit ja machen.
Gestern hat mir ein Inder das Essen gebracht. Burger lauwarm, Pommes kalt, Getränke warm. Also exakt die Art von Qualitätsversprechen, die man bekommt, wenn man alles möglichst billig und möglichst schnell haben will. Ich war kurz irritiert. Sollten Inder nicht wenigstens bei ihren Kernkompetenzen bleiben?
Callcenter zum Beispiel. Da sind sie unschlagbar. Eine Hotline, bei der man nie genau versteht, was gesagt wird – das hat wenigstens Verlässlichkeit. Da weiß man, woran man ist. Das verstehen wir Deutschen.
Aber gut. Flexibilität gehört heute dazu.
Wir holen uns „Fachkräfte“ aus aller Welt. Sagen wir zumindest. In Wahrheit holen wir uns Menschen, die für uns Dinge tun, auf die wir selbst keine Lust haben – zu Bedingungen, die wir für uns selbst niemals akzeptieren würden. Und fühlen uns dabei besonders human.
Und selbst wenn es tatsächlich Fachkräfte sind – Ärzte, Architekten, Ingenieure – umso besser. Dann sparen wir uns die Ausbildung gleich mit. Ob die in ihren Herkunftsländern fehlen? Interessiert uns nicht. Hauptsache, wir sind nicht gegen Ausländer. Entscheidend ist, dass sie hier funktionieren.
Globalisierung auf Augenhöhe: Die einen verlieren ihre Fachkräfte, die anderen behalten ihre Zivilisation. Früher nannte man so etwas Kolonialismus. Böses Wort! Die Funktion bleibt jedoch im Kern dieselbe – nur die Sprache hat sich verbessert. Damals war Zwang sichtbar. Heute ist er eingepreist. Die Diener zahlen fürs Dienen: Fahrer mancher Lieferdienste zahlen bis zu 500 Euro dafür, überhaupt arbeiten zu dürfen. Und wir? Wir tippen auf unserem Handy herum, lassen uns alles nach Hause bringen und erzählen uns dabei, wie weltoffen und human wir sind.
An irgendeiner Front muss man sich ja gut fühlen.
Apropos Front: Krieg in der Ukraine – dauerhaft präsent, klar verortbar. Und vor allem, wir wissen, wer der Böse ist. Andere Konflikte – Jemen, Sudan und viele weitere – laufen im Hintergrund. Nicht weil sie weniger brutal wären, sondern weil Leid nicht nach Moral, sondern nach Sichtbarkeit, politischer Anschlussfähigkeit und medialer Verwertbarkeit sortiert wird.
Auch Kinder sterben noch an Hunger. Aber Aufmerksamkeit ist kein moralisches Gut. Sie ist ein knapper Rohstoff. Dafür brauchen wir uns auch nicht großartig zu echauffieren, denn daran sind weder Putin noch Trump und schon gar nicht die AfD schuld. Ohne Feindbild kein Mitleid.
Das ist keine Frage von Moral. Es ist eine Frage von Struktur.
Ich fühle mich jedes Mal ein bisschen überlegen, fast aristokratisch, wenn mir jemand das Essen nach Hause trägt. Und gleichzeitig schlecht. Aber nur ganz kurz. Ich gebe Trinkgeld und hab ja dann was zum Essen.
Achtung: Dieser Text wurde ohne Anwendung von Euphemismen verfasst.
Bild erstellt mit Grok
