Deniz Yücel:

„Ich habe vor allem die Verhältnismäßigkeit kritisiert […] das Verbot von Medien. Ich finde es wirklich befremdlich, wie leichtfertig offenbar auch in der westlichen Welt Grundrechte außer Kraft gesetzt werden können. Ich glaube nämlich, dass es zu der Stärke einer liberalen Gesellschaft gehört, auch extremistische Medien, auch Staatspropaganda, auch - ich muss das so deutlich sagen - Scheißdreck aller Art aushalten zu können. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger nicht davor schützen, nicht vor Telegram schützen. Ein Staat, der als Gouvernante auftritt und seine Bürgerinnen und Bürger vor bösen Einflüssen beschützen möchte, das ist eine Eigenschaft autokratischer Regime, die für liberale Demokratien eigentlich nicht passt. Denn die Pressefreiheit ist - wie alle Grundrechte - unteilbar. Sie gilt entweder oder sie gilt nicht.
[…]

Jedenfalls letzte Woche wurde einer der wenigen verbliebenen oppositionellen oder regimekritischen Sender in Russland geschlossen. Früher hatte Europa das kritisiert und dagegen protestiert mit Verweis auf die Pressefreiheit. Jetzt können die Russen natürlich sagen, na ja, ihr habt doch Russia Today verboten. Und der feine Unterschied, dass die Pressefreiheit nach der Idee nach eigentlich dafür bestimmt ist, die Freiheit der Medien vor staatlichen Eingriffen zu schützen und dass ein Medium wie Russia Today, die selber nicht frei sind, weil sie von der russischen Regierung dirigiert werden, dass es problematisch ist, als unfreies Medium sich auf die Pressefreiheit zu berufen, dieser feine Unterschied wird in der diskursiven Auseinandersetzung untergehen, weil dem Verbot von Doschd kann dann die russische Seite das Verbot von Russia Today aufrechnen. Und dieses Problem von Glaubwürdigkeit und doppelter Standards und Doppelmoral, das ist ja ein Vorwurf, den sich die westliche Welt durch eigenes Zutun in den letzten Jahren immer wieder ausgesetzt hat, Stichpunkt Julian Assange, Abu Ghuraib, Guantanamo. Also der Westen hat auch in den letzten Jahren in diesem Jahrtausend immer wieder Anlass gegeben, dass in anderen Teilen der Welt der Eindruck entstanden ist, das ist hier Doppelmoral. Auf der einen Seite Menschenrechte und Pressefreiheit einfordern und selber das, dass einem nicht passt, mal so zu verbieten.“

16.05.2022: Habe den Titel in „Abgegangen“ umbenannt, nachdem er mit Wirbel das PEN verlassen hat. Trotzdem wird das, was er gesagt hat, dadurch nicht falsch.

Zu guter Letzt

Das Betreiben meiner Internetseite kostet Geld, vor allem aber Zeit. Von dem einen habe ich weniger als vom anderen.*
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Doch für meine Unzulänglichkeiten können die Buchstaben nichts. Und auch wenn sie bei der Gestaltung meines Inhalts kein Mitspracherecht haben - sie arbeiten schließlich für mich! - möchte ich Ihnen ein guter Chef sein. Denn die armen Buchstaben machen wortlos, was ich ihnen auftrage, ja sie stehen zu mir. Sie schuften hart, bekommen keinen Lohn, sind nicht einmal krankenversichert.
Diese Ungerechtigkeit bereitet mir ein schlechtes Gewissen, es tut mir in der Seele weh. Wirklich! Doch ich brauche sie, bin regelrecht auf sie angewiesen.

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Ob mir das gelingt, kann ich nicht beurteilen. Ich weiß lediglich, über gewisse Thematiken kann ich nicht schweigen, muss darüber einfach schreiben. Ist mein Weg zur Katharsis.


* Eigentlich habe ich genug Zeit. Doch ist es heutzutage irrsinnig chic, sich gestresst zu geben. Verzeihen Sie mir bitte die kleine Flunkerei.
** Das scharfe s (geschrieben „ß“) bekommt keinen Cent! Kein großer Bruder (kein Groß-Buchstabe), kein Geld! Selbstverständlich werde ich das Geld im besten Interesse der Buchstaben verwalten.
*** Mir ist bewusst, wenn alle Buchstaben sich ihrer Unterdrücker entledigt haben und endlich ihre Worte selbst wählen dürfen, werde ich nichts mehr zu vermelden haben. Aber auch alle anderen Dampfplauderer nicht! Ein kleiner Preis, den ich bereit bin zu zahlen, wenn dadurch eine gerechtere Gesellschaft möglich ist!