Ich war weder eines dieser hochbegabten Kinder, die schon Essays verfassten, bevor sie überhaupt lesen konnten, noch habe ich in meiner Jugend für die Schülerzeitung Pulitzer-verdächtige Artikel geschrieben. Meine Mutter sowie der Rest der Familie wissen keine außergewöhnlichen Geschichten aus meiner Kindheit zu erzählen und auch ich erinnere mich an keine Situation, in der ich mit Witz und Esprit brilliert hätte. Nichts dergleichen, ich war ein normales introvertiertes Kind. Jedoch an zwei wegweisende Momente kann ich mich erinnern.

Der eine fand auf der Beerdigung meines Urgroßonkels statt. Wider Erwarten war ich an diesem Tag gut gelaunt und ich gab auf der Hinfahrt einen Witz nach dem anderen zum Besten. Ich war nicht zu stoppen - bis zur Begräbnisfeier. Nicht die Trauerfeier selbst hatte mich ausgebremst, sondern meine Oma. Sie saß neben mir und schaute düster drein. Ich wusste, meine Oma in diesem Zustand zu reizten, war nicht sehr klug uns  Der Prediger beendete nach gefühlten 4 Stunden endlich den Gottesdienst und beim anschließenden Leichenschmaus saß meine Oma an einem weit entfernten Tisch. Das nutzte ich aus, weiter meine überragenden Witze dem uninteressierten und leicht verwirrtem Publikum zu unterbreiten. Es dauerte nicht lang und meine Mutter, die nicht an einem weit entfernten Tisch saß, blickte düster drein. Sie zog mich zur Seite und schrie mich leise an: „Albere nicht rum, reiß dich zusammen und verhalte dich den Umständen entsprechend“. Ich kann mich heute nicht mehr erinnern, ob ich ihrer Empfehlung gefolgt bin? Ich weiß nur, meine Mutter fand mich lustig, lediglich der Umstand muss der falsche gewesen sein.

Der andere entschiedene Moment ereignete sich bei einem Feuerwehreinsatz. Meinen Eltern hatten mich mal wieder gezwungen, mit ihnen ins Theater zu gehen. Zu meinem Glück wurde kurz vor Beginn der Vorstellung der Feueralarm ausgelöst. Da weder Rauch, noch Feuer auszumachen waren, verließen wir mit den anderen Zuschauern das Theater recht geordnet und entspannt. Für meine Eltern schien der Abend gelaufen und sie wollten schon heim gehen, aber ich bestand darauf, mir das Spektakel anzuschauen. Ich muss gestehen, außerhalb des Fernsehprogramms geschah sonst in meinem Leben nicht viel Aufregendes. Wir verfolgten mit dem Rest der Theaterbesucher, in angemessenem Abstand, das Schauspiel. Feuerwehr und Polizei fuhren vor. Ich zählte 12 Löschzüge und zwei Polizeiautos. Die Feuerwehrmänner sprangen aus den Autos und liefen hektisch Hin und Her, während die Polizisten sich zur schaulustigen Menschenmasse gesellten. Einer der Polizisten hatte sich in meiner unmittelbaren Nähe aufgebaut, gleich daneben stand der Theaterleiter. Einer der Feuerwehrmänner kam eilig auf unsere kleine Gruppe zu, zeigte auf einen Nebeneingang und fragte den Theaterleiter: „Kommen wir durch diese Tür?“ Irgendwie fühlte ich mich angesprochen, ich wollte helfen und antwortete: „Wenn sie offen ist, schon!“ Der Polizist drehte sich zu mir und meinte: „Das ist ja geistreich, du Witzbold.“ 
Jener Polizist von damals fand mich nicht nur lustig, sondern auch geistreich. Der Umstand muss der falsche gewesen sein, denn ich kann mich heute nicht mehr erinnern, dass er gelacht hätte. Ich hingegen fand es schon lustig, denn all das war ein bisschen viel Aufwand für einen glimmenden Abfalleimer.

Die höchsten Instanzen, zumindest die mir damals bekannten, hatten es bestätigt! Ich war witzig und vor allem geistreich, auch wenn die Umstände nicht die richtigen waren. Diese Momente animierten mich und gaben mir vor allem das nötige Selbstvertrauen, weiterhin witzig und geistreich zu sein. Angeregt durch so viel Anerkennung kritzelte ich fleißig meine Ideen auf herumliegende Zettel. Schließlich waren ein paar Bonmots fertig, allein der richtige Umstand fehlte. Wie sollte ich meine Ideen an den Mann, oder Frau bringen? Mir schien es höchst unwahrscheinlich, dass fremde Männer oder Frauen zufällig in meine Wohnung kämen und meine Notizen lesen würden. Die Notizen von irgendeinem Balkon zu werfen, empfand ich als nicht zeitgemäß, außerdem waren die Umstände für die Scholls in den 1940er Jahren überhaupt nicht richtig. Fieberhaft suchte ich nach einer praktischen und vor allem ungefährlichen Lösung, meine Niederschriften öffentlich zugänglich zu machen. Fast wäre mein Projekt an Ermangelung von Ideen gescheitert, Aber da war ja noch das Internet und das ist bekanntermaßen, genau wie Papier, sehr geduldig.
Ich startete meinen ersten Versuch mit der Internetseite tick17.de. Die Seite gibt es nicht mehr, was in keinster Weise bedauerlich ist, denn sie hatte nur einen Leser. Meine Mutter! Und auch nur deswegen, weil ich in ihrem Browser tick17.de als Startseite eingerichtet hatte. Zeitgleich betrieb ein guter Freund ebenfalls eine Internetseite, die er aber irgendwann nicht mehr weiter betrieben wollte und er überließ sie mir. Ich kam somit zu NONrelevant und die potenziellen Leser zu einem witzigen und geistreichen Internetauftritt. Obwohl ich aus heutiger Sicht vermute, dass der Polizist von damals das mit dem „geistreich“ eher herablassend gemeint haben könnte.

Aber, wer bin ich nun?
Philosophisch kann ich das nicht beantworten, denn da weiß ich nur, dass ich nicht allzu viel weiß. Leider bin ich nicht so klug, dass ich nichts weiß. Auch psychologisch habe ich keine Antwort parat, rein physisch bin ich aber ein Mensch mit Armen, Beinen, Händen, Füßen und allem anderen, was so dazu gehört. Haare habe ich auch, sogar noch auf dem Kopf.

Es ist mir äußerst wichtig an dieser Stelle mit Nachdruck festzuhalten: Ich bin KEIN Blogger!
Ich sehe mich eher in der Tradition eines Pamphlet-Schreiberlings, eines Hofnarren, eines Wachrüttlers! Ja gut, ich übertreibe etwas.

Und zu guter Letzt, meine Hobbys, welche da wären:

Lesen, Frühstücken auf dem Balkon, Reiten (aber nur in Richtung Sonnenuntergang) und mit meiner Frau am Kamin sitzen. Blöd nur, dass ich weder Pferd noch eine Feuerstelle besitze. Um ehrlich zu sein, wir haben noch nicht mal einen Balkon. 


Post Skriptum:
Wer nicht selber denkt, für den wird gedacht. 
Das ist von keinem Freund, das ist von mir.