Wer liest denn noch die Klassiker? Ja, WER? Wird man in der Schule dazu verdonnert - Schicksal. Doch daheim, in den eigenen vier Wänden, den Argusaugen der Lehrer entkommen, wer sollte sich diese Tortur antun? Freiwillig?

Ich hatte das ungewöhnliche Verlangen, die Klassiker zu lesen. Wollte mich bilden. Das traurige Ergebnis: Ich lese seit nunmehr 20 Jahren an Gullivers Reisen und werde einfach nicht fertig. Ich schaffe in guten Jahre maximal zehn Seiten, wenn überhaupt. Seine unendlich scheinenden Beschreibungen der fiktiven Natur und der darin enthaltenden Figuren führen zu keinem Ende. Akribisch, wie in einer Doktorarbeit, definiert er bis unter die Unterhose jeden Pickel an jeder erdenklichen Stelle des Körpers. Genauso sorgfälltig beschreibt er jeden Baum, den er auf seiner überaus langen Reise passiert.
Ich gebe aber nicht auf, auch vielleicht deswegen nicht, weil Herr Swift mich ein wenig überlistet. Er verspricht  Besserung. Nach jeder Beschreibung entschuldigt er sich beim Leser mit den Worten: "Aber ich will den Leser damit nicht langweilen....!". Er ist ein guter Lügner. Er hält sein Versprechen nicht, denn da wird nichts besser, es wird nichts kürzer, oder gar spannender.
Wie es scheint komme ich mit dem Stil der alten Literatur nicht klar und mein Computer auch nicht, denn den Namen Gulliver unterstreicht mein Schreibprogramm immer rot. Er denkt, es handle sich hierbei um einen Fehler und will ich es mit der Funktion Autokorrektur verbessern, muss der Computer sich geschlagen geben. Es gibt keine Vorschläge! Kennt er also nicht! Das sollte mir eigentlich eine Lehrer sein und ich sollte das Buch endgültig zur Seite legen, doch mein Ehrgeiz zwingt mich immer wieder dazu, das Werk in die Hand zu nehmen und es zu beenden.
Nach Moby Dick, deutschen Balladen und den qualvollen Fahrten durch die Seiten der Illias, habe ich mich kürzlich an Eichendorffs Taugenichts heran gewagt.
Ja, leck Er mich am Arsch.! Der Autor schafft es tatsächlich, dass ich mich nach jeder Zeile in einer andern Welt befinde, nicht aber in der von ihm geschaffenen. Hätte er aus fünfzehn Zeilen eine gemacht, käme vielleicht ab und zu Spannung auf.
Warum sollten die Klassiker auch etwas Schnödes wie Spannung brauchen? Es sind ja schließlich die Klassiker.
Vor lauter Langeweile und ständigem Abschweifen beim Lesen, kann ich noch nicht einmal genau sagen, um was es in dieser Geschichte ging. Auch nicht gerade förderlich war, dass ich nach jeder dritten Seite in den Interpretationen am Ende des Buche nachschlagen musste, um manche Dinge zu verstehen. Das mag zwar traurig anmuten, aber ich konnte mich beim Lesen dieser Lektüre nicht auf den Inhalt konzentrieren.
Und das Schlimmste, diese Art von Büchern haben alle hinten auf den letzten Seiten massenhaft Erläuterungen zum Text, die zum gänzlichem Verständnis unabkömmlich sind. Als Kenner dieser Zeit mag das überflüssig sein, aber ich bin kein Kenner dieser Zeit. 
So macht lesen Spaß keinen Spaß. Nach jedem dritten Satz hinten nachschlagen, was vorne der Autor gemeint hat. Also, jetzt mal ehrlich, wer liest gerne die Klassiker?