Wer liest denn noch die Klassiker? Ja, WER? Wird der Eine oder Andere in der Schule dazu verdonnert - Pech gehabt. Doch daheim, in den eigenen vier Wänden, den Argusaugen der Lehrer entronnen, wer sollte sich diese Tortur freiwillig noch antun? Doch nur jene, die besonders intellektuell wirken wollen, oder? 

Kurz nach meiner Schulzeit hatte ich mir eingebildet, die Klassiker lesen zu müssen. Da ich ab der 7. Klasse im Unterricht nicht mehr so richtig aufgepasst hatte, falls ich denn überhaupt anwesend war, wollte ich die mir entronnene Bildung nachholen. Kann ja nicht schaden, ein bisschen gscheit daher zu reden, dachte ich mir.
Der Anstoß für mein Projekt war übrigens Gullivers Reisen, welches ich als Originalwerk - in deutscher Übersetzung - von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, als ich zehn Jahre alt war. Ich wünschte mir damals von meinen Vater eigentlich die Kinderausgabe mit vielen Bildern. Aber nein, er kaufte mir das Originalwerk. Das war zwar ebenfalls bebildert, wenn auch sehr spärlich, aber bereits das Vorwort von Hermann Hesse hatte mich intellektuell total überfordert. Für einen Knaben war das Buch von Jonathan Swift nicht lesbar und so legte ich es zur Seite und vergaß es. Während des Auszugs aus der elterlichen Wohnung fand ich das missglückte Geschenk beim Einpacken zwischen den vielen anderen ungelesen Bücher in meinem Regal. Trotz meiner schlechten Erinnerung an damals trat ich die Reise mit Gulliver auf ein Neues an.
Das traurige Ergebnis: Ich lese seit nunmehr 20 Jahren an dem Buch und werde nicht fertig. In guten Jahren schaffe ich im Schnitt bis zu zehn Seiten; wenn überhaupt. Das liegt nicht zwingend an der kleinen Schrift auf den Butterbrot dünne Seiten. Nein, seine unendlich scheinenden Beschreibungen der fiktiven Natur und der darin enthaltenden Figuren führen zu keinem Ende. Akribisch, wie in einer Doktorarbeit, definiert er bis unter die Unterhose jeden Pickel an jeder erdenklichen Stelle irgendeines menschlichen Körpers. Genauso sorgfältig beschreibt er jedes Insekt, jeden Baum, die er auf seiner überaus langen Reise passiert. Manche wollen das mögen, ich finde es einfach nur langweilig. Zwischen menschlichen Hautirritationen und Fliegenbeinen will bei mir keine Spannung aufkommen.

Aber ich gebe nicht auf, auch deswegen nicht, weil Herr Swift mich immer wieder überlistet. Er verspricht Besserung. Nach jeder endlosen Beschreibung entschuldigt er sich beim Leser mit den Worten: „Aber ich will den Leser damit nicht langweilen ...!“. Er ist ein guter Lügner. Er hat sein Versprechen auf keiner der bisher 324 gelesenen Seiten gehalten. Das wird wohl auf den nächsten 50 Seiten, oder in meinem Fall den nächsten 5 Jahren, nicht besser, kürzer oder gar spannender. Keine Frage, außer den endlosen Beschreibungen gibt es in dem Buch äußerst kluge Stellen, die ich heute sogar intellektuell erfasse. Aber dafür reicht eine Zusammenfassung oder Verfilmung völlig aus. 

Wie es scheint, komme ich mit dem Stil der alten Literatur nicht klar. Mein Computer anscheinend auch nicht, denn den Namen Swift unterstreicht mein Schreibprogramm rot. Er kennt das Wort nicht. Ich hätte das Buch zur Seite legen sollen, wenn selbst die Rechtschreibautomatik meines Computers vor den Klassikern kapituliert. Doch habe ich die Zeichen nicht richtig gedeutet. Ich muss gestehen, es ist meinem Ehrgeiz oder besser gesagt, meine Neurose geschuldet, das Werk endlich zu beenden. Ich kann einfach nicht anders! Dabei war der Anfang des Buches einigermaßen flüssig, sogar unterhaltsam geschrieben. Die Reise mit Gulliver zur Seite 124 schaffte ich immerhin in ein paar Wochen, danach wurde es zäh. Sie erinnern sich? Zehn Seiten pro Jahr! Vielleicht liegt es ja an Herrn Swift? Vielleicht ist sein Buch schlicht langweilig, vielleicht lag es an der deutschen Übersetzung. Vielleicht liegt es auch an mir. Vielleicht mag mich Gulliver nur nicht? Kann ja sein, oder?

Ich legte es wieder zur Seite und versuchte mich an anderen Klassikern. Vielleicht waren die besser. Und so habe ich mich nach Moby Dick, deutschen Balladen und der qualvollen Irrfahrt durch die Seiten der Ilias, kürzlich an Eichendorffs Taugenichts heran gewagt.
Ja, leck Er mich am Arsch! Der Autor schafft es tatsächlich, dass ich mich nach jeder Zeile in einer andern Welt befinde, nicht aber in der von ihm geschaffenen. Hätte er aus fünfzehn Zeilen eine gemacht, käme vielleicht ab und zu Spannung auf. Was haben diese Schriftsteller nur mit diesen endlosen Beschreibungen der Natur? Aber warum sollten Klassiker auch so etwas Schnödes wie Spannung brauchen? Es sind ja schließlich die Klassiker und per Definition lesenswert.
Vor lauter Langeweile und ständigem Abschweifen beim Lesen kann ich heute nicht einmal genau sagen, um was es in der Geschichte des Taugenichts ging. Aber ich habe es zu Ende gebracht.

Nicht so Gullivers Reisen. Vielleicht war es auch nicht gerade förderlich, dass ich nach jeder dritten Seite in den Interpretationen am Ende des Buches nachschlagen musste, um den geschichtlichen Kontexte zu verstehen. Das mag vielleicht traurig anmuten, aber wegen des ewigen Hin- und Hergeblätters konnte ich mich beim Lesen der Lektüre nicht auf den Inhalt konzentrieren. Ich weiß, ich hätte die Erläuterungen sein lassen sollen, aber ich kann das nicht. Die haben ja schließlich ihren Grund und ich meine Neurose!
Moby Dick war ähnlich zäh zum Lesen. Die nautischen Beschreibungen der Orte, an dem sich die Protagonisten gerade auf dem Schiff befinden, haben mich überfordert. Nie wusste ich, wo auf dem Schiff die Handlung stattfand, bin ich doch erst am Ende des Buches auf die Erläuterungen der seemännischen Fachwörter gestoßen. Das hätten die Herausgeber im Vorwort mal erwähnen können, dass die Begriffe ganz hinten erklärt werden. Wie auch immer. Das Lesen war eine Qual. Vielleicht ist es für Seemänner einfacher zu verstehen? Aber selbst wenn ich es im Vorhinein gewusst hätte, dass hinten die Begriffe erklärt sind, wäre immer noch dieses Hin- und Hergeblätere geblieben. Und vor dem Lesen eines Buches mal schnell einen Segelkurs besuchen, darauf hatte ich keinen Bock. Abschließend kann ich sagen, bei Moby Dick hätte der Film völlig ausgereicht, um mitreden zu können.

Ich glaube, das ist das Vermaledeite daran! Viele Klassiker - zumindest die ich las - haben auf den letzten Seiten massenhaft Erläuterungen, der zum gänzlichen Verständnis unabkömmlich ist. Als Kenner dieser Zeit, als Student der Geschichte oder Seemann mag das überflüssig sein, aber weder bin ich ein Kenner dieser Zeit noch ein Student und schon gar kein Fischer. So macht lesen Spaß keinen Spaß. Nach jedem dritten Satz hinten nachschlagen, was der Autor vorne gemeint hat. Also, jetzt mal ehrlich, wer liest so was gern?

Nach dem Ausflug in die Literatur der Klassiker habe ich für mich beschlossen: Texte, die älter als 75 Jahre sind sowie Dinge mit mehr als 250 Blättern kommt mir nicht mehr ins Haus, außer es ist Toilettenpapier. Bei Klassikern der Literaturgeschichte warte ich lieber, bis Hollywood den Stoff verfilmt. Den guck ich mir gemütlich mit einer Tüte Chips und einem kühlen Bier auf der Couch. Hauptsache, ich kann anschließend mitreden und wirke klug und weltoffen.