Bild von Gerd Altmann (Pixabay)

Jahrzehnte wurde ich vorgeführt. Und obwohl ich es inzwischen besser wissen sollte, gehe ich der Werbung immer noch auf den Leim. Auch deswegen, weil Reklame sich wandelt, sich der Zeit anpasst und mir neuerdings keine Produkte mehr andrehen will, sondern einen Lifestyle, ohne den mein Leben keinen Sinn mehr ergeben würde. Sogar beim Kauf von Toilettenpapier gibt es das Gefühl von frischer Freiheit gratis obendrauf. Das war früher anders.

Gleich geblieben ist jedoch der Umgang mit der Wahrheit. Ich glaubte als Knabe, nachdem ich den Milka-Werbespot gesehen hatte, doch tatsächlich, das Braune, das aus der lila Kuh kam, wäre Vollmilchschokolade. Bis ich pubertierte, war ich überzeugt, Käpt‘n Iglo fährt mit einem antiken Segelschiff aufs Meer, um dort Fischstäbchen verpackungsfertig mit umweltfreundlichen Hand-Keschern nachhaltig von der Meeresoberfläche abzufischen. Als ich endlich von daheim auszog und glücklich über meine erste eigene Wohnung war, versprach mir Ikea ein unbeschwertes Leben mit Billy.
Irgendwann zwischen Milka, Iglo und Ikea ist es passiert. Die Werbung hat neue Bedürfnissen in mir geweckt. Ich hatte doch ein schönes, voll funktionsfähiges Regal in meinem alten Kinderzimmer, aber ich wollte in meinen ersten vier Wänden nicht nur wohnen, ich wollte leben, so richtig. Das ging anscheinend nur mit Billy.

Die Grätchenfrage lautet also: Wieso wirkt Werbung bei mir? Warum gelingt es Werbetreibenden immer wieder, mich glauben zu lassen, ich wisse, was ich brauche. Vielleicht, weil es einfacher ist, zu glauben, als zu wissen? Ich weiß es nicht.
Und dann ist da noch das Ding mit dem Geiz, der mich scheinbar so geil macht, dass mein ganzes Blut in die Kreditkarte fliest, wenn ich all die vermeintlichen Angebote sehe. Der Kaufrausch lässt mich vergessen, dass ich lediglich spare, wenn ich nichts kaufe. Wenn ich jedoch nichts kaufe, kann ich nicht frei sein. Der Wahnsinn hat sich in meinem Kopf breitgemacht. Ich glaube der Werbung. Ich will frei sein.
Das war damals übrigens auch anders, da war die Freiheit noch Aufgabe von Marlboro und der Demokratie.

Reklame ist ein geschickter Verkäufer, doch wenn sie von Amateuren gemacht wird, von Möchtegern-Kreativen, kann das genau das Gegenteil bewirken.

Werbung muss nicht unbedingt gut sein, sie muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort platziert werden. Deswegen sollte Werbung den Fachleuten überlassen bleiben, dann klappt es auch mit dem Nachbarn. Wenn der Nachbar allerdings Italiener sein sollte, hat er zwar gar kein Auto, aber er trinkt unheimlich gerne mit dem tollen Typen von nebenan, völlig relaxt, seinen Kaffee aus kristallklar gespülten Tassen! Und wenn der zufällig noch Herr Wagner heißt und bei einer grünen Tankstelle arbeitet, gibt‘s ne Pizza obendrauf.

Make Werbung great again!

Und übrigens, wer behauptet, in Kinderriegel sei keine eine extra Portion Milch drin, der lügt.