Notizen von Jochens kariertem Block

Bild: MichaelGaida von Pixabay

Letztens habe ich geträumt, ich saß in einem tollen Restaurant. Das Essen kam und ich machte ein paar Bilder davon. Das hatte ich in der Realität nie gemacht. Warum also in meinem Traum? Es schien nötig. Anschließend ging ich in einen Supermarkt und fotografierte noch schnell Nutella und Bananen. Wegen der Erinnerung und so …
Daheim angekommen bestellte ich gleich einen Trabi. Ausnahmsweise sollte ich ihn schon nach fünf Jahren bekommen. Nicht weil ich einer der ersten war, nein, weil ich systemkonform war, keine kritischen Fragen stellte. Es war natürlich ein Elektro-Trabi, wegen der Umwelt und so …
Kurz bevor ich aufwachte, war ich noch bei einem Ex-Ossi zum Kaffeekränzchen. Ich holte mir ein paar Tips von ihm. Wegen der Unauffälligkeit und so …
Ich wollte möglichst wenig auffallen, nie das falsche sagen, wegen der allgemeinen Gleichschaltung und so …

Ich wachte auf. Gott sei Dank! Es war nur ein Traum … ich hatte meine Freiheit wieder … oder so.

 

Bild: johnhain von Pixabay - in Zeiten von Corona sollte Händeschütteln natürlich nur symbolisch sein

Ein polemisches Pamphlet


Komm Heuchler, geh doch in ein Krankenhaus und schau zu, wie Menschen an Corona leiden

Komm, geh doch auf eine Plantage, auf der Sklaven unser Obst pflücken

Komm, geh doch in ein Land, in dem alle 5 Sekunden ein Kind an Hunger stirbt

Komm, geh doch in ein Kriegsgebiet, in dem Menschen wegen unserer Ressourcen-Gier sterben

Komm Heuchler, geh doch in ein Land, in dem das wirklich jemanden interessiert

Gestern Abend fuhr ich nach meiner Arbeit mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof. Für gewöhnlich steige ich anschließend in die Tram, doch gestern war mir nicht danach. Gestern? War das gestern? Nein, das muss vorgestern gewesen sein. Egal. Jedenfalls ging ich den Rest des Weges zu Fuß nach Hause. Ich schlenderte ohne meine Umgebung groß zu beachten entlang des Gehwegs, als der Mann vor mir plötzlich stehen blieb und sich bückte. Beinahe wäre ich ihn reingelaufen. Bin ich nämlich in Gedanken versunken, kann es zuweilen etwas dauern, bis mein Hirn wieder in Interaktion mit meiner Umwelt tritt.

Der Mann hob ein Cent-Stück auf, pustete es an und begutachtete es von beiden Seiten. Er bemerkte, dass ich ihn beobachte. Er drehte sich zu mir um, hielt mir das Geldstück unter die Nase und sagte: „So ein Glück.“ Dabei lächelte er. Ich war ob seiner Kontaktfreudigkeit verwirrt, ebenso über seine Freude wegen eines Stück Metalls. Ohne ihm zu antworten, setzte ich meinen Fußweg nach Hause fort und ließ ihn mit seiner Freude stehen. Nun war ich aus meinen Gedanken gerissen, konnte mich nicht mehr erinner, worüber ich nachgedacht hatte.
Ich versuchte, mich daran zu erinnern, aber der Mann mit seiner Münze hatte mich aus dem Konzept gebracht, mein Gedanke war weg. Ein paar Meter weiter viel mir dafür der Spruch meiner Oma ein: „Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert!“ Damals habe ich den Spruch nicht verstanden, schließlich musste ich für ein Dach über meinem Kopf nicht arbeiten, bekam drei Mahlzeiten am Tag und hatte ein Fahrrad. Mehr brauchte ich nicht, ich war glücklich. „Wer den Pfennig nicht ehrt, …“. Blödsinn. Der Ausspruch ergibt heute immer noch keinen Sinn, obwohl ich inzwischen für mich selber sorgen muss. Er ist ähnlich stumpfsinnig wie so viele Sprüche, die lediglich aus hohlen Worten ohne Inhalt bestehen. „Wer essen will, muss arbeiten!“ oder „ohne Fleiß kein Preis“. Solche Second-Hand-Weisheiten sind kurz und prägen sich leicht ein. Von Kindesbeinen an werden sie uns eingetrichtert. Ein paarmal gehört und gehorsam hoch- und runtergebetet, werden sie zur unumstößlichen Wahrheit, die keiner mehr hinterfragt. Doch mit Fleiß oder gar ehrlicher Arbeit sind die Wenigsten reich geworden. Krankenschwestern, Pfleger in Altersheimen, ehrlich arbeitende Menschen können sich meist nicht mal eine Wohnung in Großstädten leisten. Daran ändert auch ihr Fleiß nichts. „Arbeite und bete“. Lebe sparsam, sei gehorsam und wenn du dich als Arbeiter ohne Widerrede daran hältst, wird irgendeine göttliche Kraft schon für Gerechtigkeit sorgen.
Wer das Kleingedruckte gelesen hat, wird feststellen, dass das selbstverständlich erst nach dem Tod gilt. Vorher müssen die Gutgläubigen mit sich selbst klar kommen, denn Gott bietet den noch Lebenden keine Soforthilfe bei Ungerechtigkeit. Das Paradis gibt es erst nach dem Tod. Geschickt! Überprüfen kann das keiner.

Letzte Woche war ich im Kino. Es war eines dieser alten Lichtspielhäuser, in dem die Zeit irgendwo in den frühen 1980ern stehen geblieben war. Was ich von der Dame hinter der Kasse nicht behaupten konnte. Ich fragte sie nach einer Karte. „Ein Mal?“. Ich nickte. Die Kassiererin griff nach der Maus, schob sie in großen Kreisbewegungen auf ihrem Tisch herum, während sie auf den Bildschirm starrte. Sie kniff die Augen zusammen. Nach zwei oder drei Minuten legte sie ein Ticket auf den Tresen und sagte: „Acht fünfzig. Freie Platzwahl.“ Ich zahlte und ging ohne weiter über ihre Worte nachzudenken in den Saal.

Da stand ich nun und konnte mich nicht entscheiden, wo ich sitzen wollte. Freie Platzwahl, murmelte ich vor mich hin, freie Platzwahl. Ich war etwas spät dran und viele Gäste hatten ihre Sitze schon eingenommen. Die Aussage der Kassiererin stand im krassen Widerspruch mit der Situation hier im Saal. Wie frei konnte meine Wahl unter diesen Umständen überhaupt noch sein? Am Rand waren zwar noch reichlich Plätze unbesetzt, aber die mir versicherte freie Platzwahl war so nicht vorhanden.

Wer liest denn noch die Klassiker? Ja, WER? Wird der Eine oder Andere in der Schule dazu verdonnert - Pech gehabt. Doch daheim, in den eigenen vier Wänden, den Argusaugen der Lehrer entronnen, wer sollte sich diese Tortur freiwillig noch antun? Doch nur jene, die besonders intellektuell wirken wollen, oder? 

Kurz nach meiner Schulzeit hatte ich mir eingebildet, die Klassiker lesen zu müssen. Da ich ab der 7. Klasse im Unterricht nicht mehr so richtig aufgepasst hatte, falls ich denn überhaupt anwesend war, wollte ich die mir entronnene Bildung nachholen. Kann ja nicht schaden, ein bisschen gscheit daher zu reden, dachte ich mir.
Der Anstoß für mein Projekt war übrigens Gullivers Reisen, welches ich als Originalwerk - in deutscher Übersetzung - von meinem Vater geschenkt bekommen hatte, als ich zehn Jahre alt war. Ich wünschte mir damals von meinen Vater eigentlich die Kinderausgabe mit vielen Bildern. Aber nein, er kaufte mir das Originalwerk. Das war zwar ebenfalls bebildert, wenn auch sehr spärlich, aber bereits das Vorwort von Hermann Hesse hatte mich intellektuell total überfordert. Für einen Knaben war das Buch von Jonathan Swift nicht lesbar und so legte ich es zur Seite und vergaß es. Während des Auszugs aus der elterlichen Wohnung fand ich das missglückte Geschenk beim Einpacken zwischen den vielen anderen ungelesen Bücher in meinem Regal. Trotz meiner schlechten Erinnerung an damals trat ich die Reise mit Gulliver auf ein Neues an.
Das traurige Ergebnis: Ich lese seit nunmehr 20 Jahren an dem Buch und werde nicht fertig. In guten Jahren schaffe ich im Schnitt bis zu zehn Seiten; wenn überhaupt. Das liegt nicht zwingend an der kleinen Schrift auf den Butterbrot dünne Seiten. Nein, seine unendlich scheinenden Beschreibungen der fiktiven Natur und der darin enthaltenden Figuren führen zu keinem Ende. Akribisch, wie in einer Doktorarbeit, definiert er bis unter die Unterhose jeden Pickel an jeder erdenklichen Stelle irgendeines menschlichen Körpers. Genauso sorgfältig beschreibt er jedes Insekt, jeden Baum, die er auf seiner überaus langen Reise passiert. Manche wollen das mögen, ich finde es einfach nur langweilig. Zwischen menschlichen Hautirritationen und Fliegenbeinen will bei mir keine Spannung aufkommen.

Oft belächelten wir oder verdrehen verächtlich die Augen, wenn Sänger auf die Idee kommen, schauspielern zu wollen, oder umgekehrt. Zu Recht. Viele bekannte Menschen haben nicht dass nötige Talent, Künstler aller Gattung zu sein. Doch gibt es Ausnahmen. Und so eine Ausnahme ist Armin Müller-Stahl, denn sein Talent erstrecken sich auf viele Bereiche. Was er angeht, ist nicht nur gut, es ist herausragend. Von seinem schauspielerischen Können mal abgesehen, hat er einen Abschluss als Geigenlehrer am Konservatorium. Er kann also nicht nur spielen - in zweifacher Hinsicht - sondern er kann auch schreiben und malen - und das nicht schlecht.

Allzu leichtfertig schmeißen die Menschen mit großen Worten um sich, loben bis in den Himmel und so sind die meisten Worte vergriffen und nichts mehr wert. Was tun? Welche Worte sind treffend, nicht aber zugleich kitschig oder abgenutzt. Ich sage es kurz: Was auch immer Armin Müller-Stahl anfasst, wird nicht nur zu Gold sondern zu etwas Wunderbarem. Im Münchner Prinzregententheater stellte der Maestro aller Klassen sein Können unter Beweis.

Er las nicht nur aus seinen Büchern „Hannah“ und „Kettenkarussell“, sondern er plauderte auch aus dem Nähkästchen - seiner Vergangenheit. Der Rezitator nahm uns auf eine einzigartige Reise in die Welt seiner Vergangenheit mit. Wenn Armin Müller-Stahl aus seinen Werken laß, schien es, als sei man wahrhaftig mitten drin. Als säße man in einem Café, alleine einen Espresso trinkend und das Geschehen am Nachbartisch belauschend. Musikalisch unterstützt wurde er dabei von zwei jungen aufstrebenden Musikern. Am Klavier saß Mike Jin und aus der Geige holte Sarah Spitzer die schönsten Töne. Frau Spritzer wird von Müller-Stahl gefördert. Sie spielten Werke von Kreisler, Brahms, Bach und einiger anderer bekannter Komponisten.

Und so endete der Abend mit seinem Gedicht „Bin schon Gaukler 50 Jahr“. Die Lesung mit Armin Müller-Stahl, untermalt mit klassischen Klängen, war ein unvergessliches Ereignis. Es war eine Wohltat für die gestresste Seele.

Für zwei Stunden waren wir Zuschauer Teil seines Lebens.

 

Ewig, ja, ewig träumte ich davon, mal nach Rom zu fahren. Rom, die Königin der Städte, die Wiege unserer Kultur. Und endlich hatte sich dieser lang ersehnte Wunsch erfüllt.
Ich entdeckte auf dieser Reise aber nicht nur die schöne Stadt, sondern auch - die Ewigkeit.
Für viele Studenten der Philosophie mag die Entdeckung der Ewigkeit vielleicht ein wünschenswertes Thema sein, um den Abschluss eines sinnvollen Studiums mit einer noch sinnvolleren Promotion zu krönen. Für mich im Gegensatz war die Unendlichkeit real, greifbar.
Denn Ewigkeiten hat das Warten in den Schlangen vor den Sehenswürdigkeiten gedauert.
Aber nicht nur ewig viel Zeit muss man in Rom haben, sondern auch ewig viel Geld.