Gott sei Dank gibt es noch andere Menschen neben dem Chef des Magazins Focus, die den Job des Fakten-Schaffens Ernst nehmen. So ist es Verkehrsminister Andreas Scheuer vor ein paar Tagen tatsächlich gelungen, die „[...] Sachlichkeit und Fakten in die Diesel-Debatte […]“ zurückbringen. 107 Lungenspezialisten haben nämlich bei einem neu erarbeiteten Faktencheck herausgefunden, die bisher geltenden Stickoxid-Obergrenzwerte waren in Großstädten viel zu niedrig angesetzt. Schließlich ist von Abgasen noch keiner gestorben und der Umwelt geht es hierzulande auch noch ganz gut. Endlich! Die Fakten sind zurückgekehrt.

Aber … vielleicht waren das keine Pneumologen, sondern 107 Kapitäne der Donaudampfschiffahrtselektrizitätenhauptbetriebswerkbauunterbeamtengesellschaft? Die tragen meist auch Weiß und sind ohne Donaudampfschifffahrtskapitänsmütze leicht mit Ärzten zu verwechseln. Leider wurde von staatlicher Stelle versäumt, diesen Fakt zu überprüfen. Ist aber auch egal, da sich Schiffsführer keine Sorgen um eventuelle Fahrverbote machen müssen. Die 450 kg Feinstaub, die so ein Luxuskreuzer pro Tag durch Verbrennen von umweltschädlichem Schweröl erzeugt, ist laut irgendwelchen Experten für das Klima überhaupt nicht schädlich, weil es auf den Weltmeeren in Summe viel weniger Kreuzfahrtschiffe als auf dem Festland Dieselfahrzeuge gibt. Ist klar soweit, oder? Folglich sind CO2-Obergrenzen für Vergnügungsdampfer völlig unnötig. Bei so guter Faktenlage können Bewohner von Hafenstädten doch beruhigt aufatmen.

Ebenso müssen sich Besitzer von Elektroautos keine Sorgen um Fahrverbote machen. Wer es sich leisten kann, sein Gewissen mit hohem finanziellen Einsatz grün zu waschen, darf sich jeglichen Fakten nachhaltig entziehen. E-Autos produzieren kein CO2, zumindest nicht direkt vor Ort und das bisschen Reifenabrieb filtern die Lungen der Großstädter neben all den anderen Schadstoffen auch noch weg. Und wenn in Zukunft letztlich jeder mit einem Elektrofahrzeug fährt, sind irgendwelche Fakten über Grenzwerte in Metropolen eh nicht mehr relevant. Denn der Strom für ein vollständig elektrifizierten Straßenverkehr kommt schließlich aus Kohle- und Atomkraftwerken, die meist weit außerhalb von Großstädten liegen. Noch weiter weg sind sogar die Minen, in denen armen schwarze Kinder das für Batterien wichtige Kobalt abbauen. Aber egal, wenn wegen der Klimaerwärmung die Pole abgeschmolzen sein werden, ist wenigstens für den Abbau von Lithium genug Wasser vorhanden.
Und weil Elektroautos so richtig umweltschonend sind, werden sie mit viel Geld vom deutschen Staat gefördert [*]. Menschen, die mit dem Rad und nicht mit einem über zwei Tonnen schweren Auto zur Arbeit fahren, bekommen übrigens nichts. [**]. Abgesehen davon sind Fahrradfahrer voll unsozial, denn sie können noch nicht mal Fahrgemeinschaften bilden. Eine Mitnahme von weiteren Kollegen, Familienmitglieder oder Freunden, ist bei den meisten Drahteseln wegen der begrenzten Anzahl von Sitzplätzen nicht möglich.
Alles wird gut und spätestens 2050 kann unser Planet (mit oder ohne Pole) wieder richtig durchatmen, da alle Autofahrer ihre Elektro-Boliden mit Ökostrom betanken werden. Gegen so ein fortschrittliches und umweltfreundliches Denken kann selbst ein Fahrrad nicht anstinken.

Eigentlich ist es völlig egal, wer wo was wann gesagt hat. Hauptsache die neu geschaffenen Fakten sind kein Fake! Und was interessiert uns der Fake, Verzeihung, die Fakten von gestern?
Bei den 107 Wissenschaftlern handelte es sich übrigens um dieselben Sachverständigen, die in den Jahren bis 2006 bewiesen haben, dass Rauchen völlig harmlos ist. Und die müssen es ja wissen, denn ausschließlich von der Wirtschaft bezahlte Experten sind in der Lage, richtige Fakten zu schaffen.

 

Persönliche Anmerkung:
Ich wollte unbedingt mal in einem meiner Artikel das wohl längste Wort Deutschlands einbauen. Das ist mir hiermit gelungen. Ich hoffe, Sie sehen mir den etwas holprigen Übergang deswegen nach?

 

[*] Hier ein paar Beispiele für Förderungen der Elektromobilität durch den Staat: BAFA, BMVI, BMU

[**] Zum Thema, die Deutschen hätten die Elektromobilität verschlafen, sagt Winfried Wolf:
„Dieses andauernde Gejammer der Motorjournalisten und der Umweltverbände, wonach die deutschen Autokonzerne die "Elektromobilität verschlafen" hätten, ist blanker Unsinn. Sie haben sinnvollerweise solange gewartet, bis klar war, dass die E-Pkw-Mobilität erzwungen wird - und bis klar war, dass es ausreichende staatliche Subventionen gibt, um sich unnötige Entwicklungs- und Absatzkosten zu sparen.“